Aufsatz 
Grundzüge der kaufmännischen Architektur und ihre Behandlung im Unterrichte der Handelsschule
Entstehung
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Sie sollen ihre Bedürfnisse erkennen, ein kräftiges Wörtlein bei deren baulicher Konstruktion mitreden und so den Keim zu einer Wechselwirkung zwischen Architekten und Kaufmann legen, aus dem allein eine gedeihliche Entwicklung des kaufmännischen Bauens entsprießen kann. Wer sorgt sich um die Entfaltung der Blätter und Blüten, wenn der Stamm aus gesunder Wurzel kräftig emporwächst? Die kommen dann von selbst und werden ihre Eigenart nicht verleugnen.

Ist so die Richtung unseres Strebens angedeutet, so ist noch dessen seitliche Be- grenzung festzulegen, wobei nicht verboten sein soll, auch einmal über den Wegrand zu treten, um ein Blümchen auf dem anstoßenden Gelände zu pflücken.

Diese Begrenzung bedeutet zunächst eine Beschränkung; denn es ist selbstverständ- lich, daß unser Stoff nur dem Handelswesen entnommen sein kann. Bei den innigen Bezie- hungen des Handels zu der Erzeugung der Waren ist diese Schranke nicht immer leicht zu finden. Der Landmann, der Handwerker, der Fabrikant, welcher seine Produkte verkauft, kennt ihre Natur und Entstehung vollkommen; der Kaufmann muss das von der ihm eigen- tümlichen Ware auch verstehen. Daher muss die Handelsarchitektur Streifblicke in die Erzeugungsstätten werfen, um zu erkennen, ob von dort einem kaufmännischen Baue beson- dere Eigentümlichkeiten diktiert werden; wollten wir hier aber tiefer darauf eingehen, so würde das Gebiet schrankenlos werden.

Auf dem so umrissenen Plane möchten wir nun aber unsere Aufgabe in möglichster Breite lösen. Die anderen Raumkünste: Plastik und Malerei, haben ihre Jugend unter der Hut der Architektur verlebt und sind dort zu Jünglingen erstarkt. Es wird wohlgethan sein, dieses Schutzverhältnis für unser Gebiet aufrecht zu erhalten; nicht nur, weil dieses Gebiet selbst noch ein jugendliches ist, und auch nicht nur während dieses jugendlichen Zustandes, sondern weil die oben angedeutete Einheitlichkeit es fordert, und weil einzelne Nestflüchtler schon versucht haben, ihren eigenen Weg zu gehen und dabei zu Schaden gekommen sind. Dieser Schaden traf aber nicht nur sie, sondern das Ganze. Wir werden Gelegenheit haben, das zu beweisen.

Alles, was die Raumkunst, sei sie körper- oder flächenhaft, Architektur, Plastik, Malerei, Schwarzkunst oder Kunsthandwerk, dem kaufmännischen Betriebe leisten kann, das sei daher in unseren Rahmen gefaßt!

Einteilung der Aufgabe.

Die persönliche Trennung der im Motto genannten Interessengruppen bedeutet die mangelnde Kauf- auch wohl Verkaufslust, welche also geweckt werden soll. Gewiß bleibt dazu das Bedürfnis, die Güte und Zweckdienlichkeit der Ware die Hauptsache. Wir wollen nicht davon sprechen, daß es schon oft gelungen ist, Bedürfnisse künstlich zu wecken, um sie dann zu befriedigen. Häufig genug aber sind solche wirklich vorhanden, es fehlt nur die Kenntnis von den Mitteln zur Stillung derselben; man weiß gar nicht, daß es solche Mittel überhaupt giebt, daß sie in so guter, zweckentsprechender Art vorhanden sind, und greift nach gewonnener Kenntnis begierig danach. Um solche Waren und ihre Verwendung augenfällig zu zeigen, stehen dem Kaufmanne verschiedene Helfer zu Gebote. Architek- tonische sind: Geschickte Ausstellung, Abbildungen, welche Anwendung oder Wirkung der Ware enthüllen, und auch manche Form der schriftlichen Anpreisung. Schränke und Kästen für Ausstellungen und Auslagen, Schaufenster, Verpackungen, Ladenschilder, Plakate und Reklamen fallen somit in unsern Bereich.

Die räumliche Trennung kann nur durch räumliche Annäherung, durch Bewegung, Transport, überwunden werden. Das mag durch die Annäherung der Personen an die Ware oder umgekehrt geschehen. Die Erleichterung des Personenverkehrs ist somit eine wichtige Sache für den Handel. Dieser Verkehr kann das Publikum zu den Kaufgelegenheiten, in die größeren Städte, zu Ausstellungen, Märkten und Messen führen; er wird aber auch den Kaufmann an Orte bringen, wo er seine Ware prüfen und gut und billig erstehen kann. Der Transport der Ware selbst zur Verkaufsstelle bleibt jedoch die Hauptsache. Dieser