Grundzüge der kaufmännischen Architektur und ihre Behandlung im Unterricht der Handelsschule.
Von F. Knörk.
Handel im allgemeinen ist die Uber- windung der persönlichen, räumlichen und zeitlichen Trennung des Konsumen- ten vom Produzenten.
Vander Borght: Handel und Handelspolitik.
Innerhalb dieser Erklärung liegt auch das Gebiet, welches die Handelsarchitektur bebauen kann; daß es bisher nicht allgemein bebaut ist, findet seinen Grund in der Ein- seitigkeit und Arbeitsteilung des modernen Lebens überhaupt und des Handels im besonderen. Das unwiderstehliche Bedürfnis der Menschennatur, sich nach Zeiten der Zersplitterung zusammenzufassen und wieder als Ganzes zu leben, zeigt sich dem Beobachter unseres sozialen Treibens auf vielen Punkten. Sind es auch erst Punkte und Pünktchen, so steht doch zu hoffen, daß ein leuchtender Sternenhimmel daraus werde. Es ist hier nicht der Ort, diese Punkte aufzuzählen; aber das Bestreben des Kaufmannsstandes, durch besonderen Unterricht, ja durch akademische Belehrung seine Glieder zu einer umfassenderen Weltanschauung zu erziehen, ist gewiß einer dieser Sterne. Dies Bestreben läßt auch unser Thema berechtigt erscheinen. Dient dasselbe dem kaufmännischen Erwerbe auch nur mittelbar, so möchte es gerade dadurch auch dem weiteren Publikum interessant sein und dessen Aufmerksamkei mehr auf Handel und Verkehr lenken. S. Rosebery, der Rektor der Universität Glasgow. sprach kürzlich zu seinen Studenten:„Das zwanzigste Jahrhundert wird eine Periode scharfen, ja fast erbitterten Wettbewerbes unter den Nationen sein und zwar wahrscheinlich noch mehr auf dem Gebiete des Friedens als des Krieges. Die Nation muß daher noch kauf- männischer werden, ganz gleich, ob es sich um Krieger, Kaufleute oder Staatsmänner handelt.“
Aus inneren und äußeren Gründen kann die hier vorgeführte Bearbeitung weder genügend tief noch breit sein. Das Material ist so massenhaft und auseinanderliegend, daß es nur durch den guten Willen und die Mitarbeit aller Beteiligten, zu sammeln ist und daß daher hier nur ein Anfang gemacht und der Grundzug des künftigen Lehrgebäudes aus- gehoben werden kann.
Soll die ausgesprochene Sehnsucht nach einem neuen Kunststile, speziell nach einem neuen Baustile erfüllt werden, so ist es vor allen Dingen nötig, daß die Bedürfnisse unserer Zeit auf diesem Gebiete klar erkannt, ausgesprochen und zur Geltung gebracht werden. Das können aber nur diejenigen, welche in den betreffenden Räumen leben und wirken. Nur auf Grund dieses Lebensinhaltes können unsere Baukünstler demselben ein passendes Gewand schneidern. Solange wir uns damit begnügen, ein Mäntelchen direkt nach alten Mustern zu schneiden oder gar aus alten Lappen zusammenzusetzen und es den modernen Wesen umzuhängen, solange werden wir weder zu Behaglichkeit noch zu künstlerischer Wahrheit kommen. Da ist es immer noch besser, die Wahrheit in ihrer Nacktheit inzustellen.
Es soll durch diese Zeilen nicht versucht werden, die Kaufleute zu Architekten oder Bautechnikern zu bilden, sondern nur, sie zu befähigen, aus dem allgemeinen Verständnisse einer Bauanlage heraus das besondere Verständnis eines Handelsbaues zu erlangen, ins- besondere das Verständnis des Baues, in welchem sich ihre spezielle Berufsthätigkeit abspielt.


