Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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Deutlich wird die Sache ja erst, wenn man einen Punkt beachtet, der gewöhnlich, ich will nicht sagen geflissentlich, übersehen wird. Die Freunde des Handfertigkeitsunterrichtes sprechen gewöhnlich nur von der Volksschule, und die Ausstellungen zeigen auch meist nur Arbeiten aus diesen Kreisen. Von den höheren Schulen hört man nicht viel. Wo sitzen denn aber die Leute, welche mit Gedankenarbeit übersättigt sind? Welche keinen Nagel einklopfen können? Welche später im Wissensdünkel über den Handarbeiter hinwegsehen? Die sitzen in den höheren Schulen; dort ist also zunächst und hauptsächlich das Übel zu heilen. Der Volks- schüler hat zu Hause fast immer Gelegenheit, Handarbeit schätzen und üben zu lernen; sie ist ja auch meist sein eigenes Lebenslos. Die allzugroßze Masse der Handelsbeflissenen rekrutiert sich aus den Einjährigenjünglingen, und das so oft citierte»Gelehrtenproletariat« aus den zahl- losen Abiturienten der höheren Schulen. Hier gälte es, einzugreifen. Und doch, wer die Ver- hältnisse unserer höheren Schulen kennt, muß erst recht sagen:»Die Schule hat keine Zeit.«

Die Schule hat aber auch keine Gelegenheit. Wenn ein wirklicher Nutzen dieses Unter- richtes erwachsen sollte, so müßte er für alle Schulen des Landes obligatorisch sein. Die fakul- tativen Lehrgegenstände, sofern sie nicht für ganz bestimmte Berufe notwendig sind, werden bei den damit betrauten Lehrern wohl kaum Empfehlung finden. Dann aber gehören dazu besondere Räume, besondere Lehrkräfte und eine Menge von Materialien und Werkzeugen, so daß die Be- geisterung bei manchem zur Unterhaltung der Schule Verpflichteten bald in das Gegenteil um- schlagen würde. Autßerdem unterliegt die Aufstellung einer Methode für die verschiedenen Hand- arbeiten den größten Schwierigkeiten und Bedenken. Das Zeichnen hat einen engen Kreis von Darstellungsmitteln und Werkzeugen, die lassen sich einer Methode leicht einpassen; ja man kann sich nötigenfalls auf Papier und Bleistift beschränken. Wie aber soll man das bei fünf verschiedenen Handwerken und bei verschiedenen Materialien stufenweise gestalten? Welche Reihenfolge soll innerhalb dieser fünf festgehalten werden? Nur das allen innewohnende geistige Element, die Formensprache, kann das Merkmal der Reihenfolge geben.

Aus dem Entwickelten erhellt zur Genüge, daß die Handarbeit in der Schule nur vom Standpunkte der Kunst und also nur in Verbindung mit dem bisherigen Alleinvertreter der räumlichen Kunst, dem Zeichnen, betrieben werden kann. Ohne die Schule wird sie absterben, in der Schule ist sie in diesem Sinne zur Ergänzung des Zeichnens nötig.

Anschließend an die schon perührte Forderung einer Verwendung des Zeichnens in anderen Lehrfächern ist von einzelnen Anhängern des Handfertigkeitsunterrichts versucht worden, auch diese Fertigkeit einzelnen Fächern dienstbar zu machen. Die Behörde bezeichnet jene Ver- wendung als maßvolle und will wohl die erlangte Einsicht und Fertigkeit im Zeichnen bei anderen Füchern verwertet wissen; aber nicht umgekehrt jene Fächer in den Zeichenunterricht ziehen. Jeder Gegenstand muß seine eigenen Wege gehen, natürlich in stetem Hinblick auf den allgemeinen Schulzweck und in lebendiger Verbindung mit den anderen Lehrgegenständen der Entwicklungsstufe. So darf auch unter keinen Umständen die Handfertigkeit als ploße Dienerin der Mathematik und Physik in die Schule genommen werden. Dadurch würden nicht nur diese Fücher pald ein ungebührliches Übergewicht erlangen, sondern vor allen Dingen würde der Zweck der Handfertigkeit ganz in sein Gegenteil verkehrt werden, und die wissenschaftliche Seite der Erziehung eine neue Förderung erhalten.

Der nachfolgende Entwurf eines Lehrplanes für den Formenunterricht kann nur eine leichte Skizze dessen sein, was dem Verfasser auf Grund seines Nachdenkens und seiner Erfah-