Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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1. Die Handarbeit bildet das plastische Sehen und belebt nach dieser Seite hin die Phantasie.

2. Die Handarbeit lehrt Wertschätzung der Handwerker.

3. Sie fördert den nationalen Wohlstand.

4. Sie liefert ein wertvolles Mittel, die Mußestunden der Jugend und der Väter aus- zufüllen.

Man erkennt, daß eigentlich nur der erste Punkt dieser Gewinnliste in den Bereich der Schule füllt. Zwar sagt der Herr Vortragende, daß der Verein auf freier Grundlage neben der Schule seine Aufgabe erfüllen und sich unabhängig von der Schule entwickeln will; aber er überläßt es doch gern der zukünftigen Entwicklung, ob dieser Unterrichtszweig in späterer Zeit einmal obligatorisch oder fakultativ werde. Aus mancherlei Anzeichen darf man wohl schließen, datz diese Zeit herbeigewünscht wird, weil sonst die ganze Sache unter den heutigen Verhält- nissen des Elternhauses höchstens eine Zeit lang als Modesache gepflegt, dann aber vergessen werden wird.

Ehe hier zu der Angelegenheit Stellung genommen wird, möge noch ein Punkt erwähnt werden, der sonst auf diesen Blättern gemieden ist, die Stellung der Persönlichkeit des Lehrers. Jeder Lehrer kann ein Künstler sein; wohl ihm, wenn er es ist; man könnte sagen, er muß es sein, d. h. er soll ein entwickeltes Kunstgefühl, eine sattelfeste Phantasie haben; jedem Unterricht ist das vonnöten. Der Lehrer kann auch bis zu einem gewissen Grade in irgend einer Richtung ausübender Künstler sein; denn nur so ist ja eine Entwicklung des Kunstgefühls denkbar. Ein vollständiger Künstler ist wie ein vollständiger Gelehrter selten, sehr selten ein guter Jugend- lehrer, er hat schon gar nicht die Zeit dazu. Der Lehrer soll und darf aber kein Handwerker sein. Die Technik eines einzigen Handwerks, welches ordentlich betrieben wird, erfordert auch einen ganzen Mann; die Hauptarbeit des Lehrers aber liegt doch auf einem ganz anderen Gebiete, als auf dem technischen. Wie soll ein Lehrer neben seinem eigentlichen Beruf noch ein Hand- werk oder gar deren fünf beherrschen? Der Unterricht in der Handfertigkeit, welcher für sich Früchte bringen soll, liege in der Hand eines Handwerksmeisters. Der Handwerksmeister aber gehört nicht in die Schule. Ich will die weitere Perspektive auf die Stellung eines Lehrers, der gezwungen ist, sich in das Handwerk tiefer hinein zu arbeiten, gerade unter den jetzigen Ver- hältnissen mit einem dichten Vorhang verhüllen.

Jeder Menschenfreund, besonders aber jeder Mann, der selbst gern etwas Handarbeit treibt und den stillen Segen einer solchen an sich erprobt hat, muß wünschen, daß sie der oben angegebenen Vorteile willen auch von der Jugend geübt werde. Doch lehren die bisherigen Betrachtungen, daß das nur in der Familie geschehen kann oder in Veranstaltungen, welche die Familie vertreten, in Pensionaten, Horten, Waisenhäusern oder gemeinschaftlichen Jugendwerk- stütten unter Aufsicht tüchtiger Handwerker, vielleicht unter teilweiser Beihülfe von Lehrern, damit das pädagogische Prinzip gewahrt werde. Doch möchte zu bedenken sein, ob es sich nicht empfiehlt, ein einziges Handwerk gründlicher zu erlernen, wie es in unserem Königshause geschieht, als an mehreren zu naschen.

Die öffentliche Schule hat zu einem solchen Betriebe weder Zeit noch Gelegenheit.

Sie hat keine Zeit. Man klagt ja schon lange nicht nur über wissenschaftliche Uber- bürdung, sondern auch über das hohe Maß von Zeit, welches die Schule für ihre Zöglinge in Anspruch nimmt und über die gesundheitlichen Nachteile des Schulaufenthaltes.