Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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erst fallen lassen, weil es nicht das Interesse in gleichem Grade weckte. Der Gegenstand, der gemacht wurde, war nicht ein dauernder Gegenstand, den die Kinder behalten konnten, er wanderte wieder in den Thonkasten hinein. Ein Umgießen in Gips ist nicht in gleichem Grade möglich gewesen.« Zudem lassen sich in der Schule nur kleinere Gegenstände bilden, so daß das ganze Modellieren auf das Ornament hinauslaufen würde. Dadurch aber könnte leicht das Kunstgefühl von dem eigentlichen Ausdruck der Idee abgelenkt und abgestumpft werden.

Sehen wir uns jetzt den Handfertigkeitsunterricht, wie ihn schon Comenius empfahl, und die Philanthropen ihn einführten, genauer an. Durch die Bestrebungen des deutschen Vereins für erziehliche Knabenhandarbeit ist dieses Thema von neuem zur Besprechung gestellt worden, und man prüft diese Frage wohl am besten an der Hand der Forderungen dieses Vereins. Wenn von demselben nur der Unterricht der Knaben in Angriff genommen wird, so gründet sich das darauf, daß für die weibliche Jugend diese Seite der Erziehung durch den längst eingeführten Handarbeitsunterricht ausgefüllt ist. Dem Wesen dieses Geschlechtes entsprechend ist hier neben dem künstlerischen Gesichtspunkte der praktische maßigebend gewesen, also ein Ubergreifen der Schule in das Leben vorhanden. Man könnte versucht sein, dies eine Berufsbildung zu nennen und etwas Khnliches für die Knaben zu fordern und gutzuheißen. Doch ist hier eben der Knabenerziehung gegenüber ein grundlegender Unterschied festzusetzen. Dem allgemeinen Berufe der Frau als Hüterin des Hauses wird hier auch nur die allgemeine Bildung geboten; während da, wo eine Frau sich einem bestimmten Berufe zuwenden will, die dazu nötige Bildung auch besonders, also außerhalb der allgemeinen Schule erworben werden muß. Von den Knaben aber muß jeder einen bestimmten Beruf ergreifen; denn glücklicherweise ist das Geschlecht der geborenen Rentner noch klein genug, und wo es sich wirklich findet, da ist es auch danach.

Die Programmrede, welche der Herr von Schenckendorff am 11. Januar 1892 zur An- kündigung des letzten(21.) Kongresses für erziehliche Knabenhandarbeit hierorts hielt, legt den fördernden Einfluß dieses Gegenstandes nach zwei Richtungen hin dar, auf die Erziehung des Einzelnen und auf das öffentliche Leben.

1. Die Handarbeit befördert die Entwicklung der Körperkräfte und ist durch den von ihr verursachten Wechsel zwischen Geistes- und Körperarbeit eine Entlastung der Jugend. Es wird zugegeben, daß Spielen und Turnen dasselbe leisten.

Das ist ein Irrtum. Jede handwerksmäßige Thätigkeit ist eine einseitige, und da ja von den neunzig Berufsarten nur fünf in Betracht kommen sollen, so bleibt sie hier gewit ein- seitig. Es soll gar nicht davon geredet werden, daß die Knaben diese Arbeiten hauptsächlich bei künstlichem Lichte, also in noch gebückterer Stellung vornehmen. Wer wirkliche Hand- werker kennt, erkennt sie an ihrer Körperhaltung, d. h. an einseitig ausgebildeten Körperteilen, welche von jeher die Zielscheibe des Witzes von Humoristen und Satyrikern gewesen sind. Das Spielen und Turnen in der Schule aber bildet den Körper allseitig und gleichmäßsig und beab- sichtigt, wie schon gesagt, die Erzeugung körperlicher Schönheit. Da wir diesen Unterrichts- zweig haben, und er am meisten auf diesem Gebiete leistet, so wollen wir ihn nicht gegen Minderwertiges eintauschen.

2. Die Handarbeit nötigt zum bewußten Sehen und zum plastischen Sehen.

Das ist nach den früheren Ausführungen zuzugeben, sowie, dab das Zeichnen, obwohl es das bewußte Sehen auch entwickelt, hinsichtlich des plastischen nicht dasselbe leisten kann. Wöhlerschule 1893. 3