Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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rein geistigen Vorgange zu thun haben. Denn das Vorstellungsgebilde selbst, in dem sich diese unsere Anschauungen unterbringen, der allseitig ausgedehnte Raum, ist als solcher gar kein Gegenstand unserer sinnlichen Wahrnehmung durch das Auge, sondern ein Ergebnis rein inner- licher Begriffsbildung oder nach Kantscher Lehre ein angeborenes Attribut oder Organ unserer Seele, eine unveräußerliche Form der Auffassung der Dinge der Außenwelt, in welche wir die Ergebnisse aller direkt sinnlichen Anschauungen zu verarbeiten gar nicht umhin können.

Da nun aber gerade dies Vollgefühl des räumlichen Sehens, dies Leben in der körper- lichen Form das Kunstgefühl ist, so wird auch dem am besten geleiteten Zeichenunterricht etwas fehlen, wenn ihm das Formen von Körpern nicht zur Seite steht.

Aus dem Gefühl dieses Mangels sind im Grunde alle neueren Versuche, den Zeichen- unterricht umzugestalten, zu erklären. Besondere Beachtung haben die Reformvorschläge des Herru Georg Hirth gefunden. Leider zeigen seine Ausführungen eine gewisse Unkenntnis der heutigen Zeichenmethode, und seine Vorschläge springen zu oft in das engere akademische Gebiet der hohen Kunst über. Doch will auch er schließlich eine breitere Grundlage der Kunst, sowohl hinsichtlich der Beteiligung der Kräfte, als auch hinsichtlich der künstlerischen Vorbildung, die schon in der Schule begonnen und bezüglich des Realstudiums an die wirkliche Natur anknüpfen soll. Wenn er daneben zur UÜbung in künstlerischer Auffassung und zur Bildung des guten Geschmacks Betrachten und Skizzieren vorhandener Kunstwerke zuläßt, so erkennt er an, daß neben dem Naturunterricht ein Kulturunterricht stattfinden muß, eine Einführung in die bisher erworbenen Schätze. Für die Schule kommt aber dies letztere zuerst; wir bieten zuerst das,

was schon durch den Geist der Menschheit gegangen ist wie wir den Säugling körperlich nähren mit Stoffen, die schon durch den Körper gegangen sind dann erst steigt der junge

Mensch zur künstlerischen Bewältigung der Natur auf.

Die Vorschläge des Zeichenlehrers Stade ziehen teilweise die praktischen Folgerungen der Hirthschen. Da sie jedoch viele Gründe enthalten, welche aus der jetzigen Stellung des Zeichenlehrers an höheren Schulen entspringen, denen wir hier ausweichen möchten, so sollen nur seine beiden Hauptforderungen erwähnt werden: Möglichste Entfernung des Ornamentes aus dem Unterrichte und ausgiebiger Betrieb der Kunstgeschichte.

Was den ersten Punkt anbelangt, so ist nicht oft genug darauf hinzuweisen, daß das losgelöste Ornament allerdings ziemlich wertlos ist, dalz es eben nur im Zusammenhange mit der Grundform eines Gegenstandes zum vollen Leben gelangt, dort aber als erhöhter Ausdruck der Idee nicht zu entbehren ist. Was die Kunstgeschichte petrifft, so ist ein Unterricht in der geschichtlichen Entwicklung eines einzelnen Kulturzweiges doch nur auf Grund einer Summe von Kenntnissen über Einzelerscheinungen dieses Zweiges möglich. Die Kunstgeschichte würde also erst auf der obersten Schulstufe und auch hier aus Mangel an Zeit sehr kurz zu behandeln sein, wie das ja auch schon vieler Orten geschieht. Das, was die Schule an Geschichte der Litteratur und Poesie giebt, und wie sie es giebt, könnte hier wohl zur Vergleichung dienen.

Aus dem Gefühle, daß der Zeichenunterricht zum vollen Formenverständnis nicht genüge, sind auch die immer wieder auftauchenden Versuche, einen Körperformunterricht in die Schule einzuführen, entsprungen. Neben dem Unterricht im Modellieren, ist es der Handfertigkeits- unterricht, der hier in Betracht kommt. Dem Modellieren stehen in der Schule erhebliche Hindernisse entgegen. Die zu verwendenden Stoffe, Wachs, Thon oder Gips sind in den Häünden der Schüler und gar der Schülermassen geführliche Waffen der Unordnung. Ierr von Schencken- dorff berichtet selbst aus der Handfertigkeitsschule zu Görlitz:»Das Modellieren haben wir vor-