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d. h. plastisch künstlerisch wirken. An das englische Fußzballspiel darf man dabei allerdings nicht denken, das durch Jahn und Spieß großigewordene deutsche Turnen aber geht wissentlich auf dieses Ziel los.
Das Zeichnen ist Darstellen von Formen in einer Fliche nach ihrer Begrenzung und Beleuchtung. Es ist also hinsichtlich des Darstellungsmaterials am nächsten der Malerei ver- wandt, der Untergrund beider ist derselben Art. Dagegen ist durch die Ausschließung der Körper als Material eine wesentliche Verschiedenheit der Architektur und Plastik gegenüber vor- handen. In den Darstellungsmitteln nimmt das Zeichnen nur die eine Seite der Malerei auf: die lineare Komposition; das Kolorit ist ausgeschlossen. Erwägt man nun, daß in der Malerei die Form nur die Abstraktion der Farbigkeit ist, und daß der Schein der Farbe auf das Auge, der Ton, wie er durch die Art der Beleuchtung und der Veränderung der Ortsfarbe durch die Entfernung entsteht, das wahre Objekt des Sehens ist, so wird man die Zeichnung nur als einen sehr mangelhaften Ersatz des Gemäldes ansehen können. Die Farbe ist und pleibt das Primäre. Positive, das wir sehen, die Form das Sekundäre, Abstrakte.
»Zeichnen ist Ubersetzung verschiedenfarbiger Eindrücke in neutralfarbige Charakteristik« oder anders ausgedrückt:»Reduktion polychromer Eindrücke auf einen gemeinsamen iso- chromen Nenner.«
Indem die Zeichnung durch die Wiedergabe der Beleuchtungserscheinungen für das Auge den Eindruck einer körperlichen Form erzeugt, ist sie wohl pefähigt, die Werke der Architektur und Plastik zu übermitteln. Wenn man jedoch pedenkt, daß die Formengebung der Dinge und besonders die des Ornaments wesentlich von dem verwendeten Material abhängt, und daß dies Material sich nur sehr schwer und mangelhaft zeichnerisch andeuten läßt, so sinkt der künst- lerische Wert einer Zeichnung auch nach dieser Seite ganz bedeutend. Was sie vielleicht als allgemeiner Ausdruck der Form gewinnt, verliert sie an Charakter und Interesse. Es liegt hier gewiß ein Grund der Erscheinung, daß alles Zeichnen von Ornamenten dem ausübenden Künstler wenig hilft, daß dagegen junge Leute, welche als Lehrlinge schon in der Praxis stehen, einen feineren Blick für Zeichnungen haben und oft Fehler derselben entdecken, welche die wirkliche Anwendung eines Ornamentes erschweren würden.
Dies Beschäftigen mit der wirklichen Form erzeugt erst ein richtiges Sehen. Unser Sehen an und für sich ist überhaupt für das Begreifen der Form viel unzulänglicher, als man gewöhnlich meint. Erst wenn man um die Dinge in Wirklichkeit herumgeht und sie von allen Seiten betrachtet, entsteht aus den Ergebnissen verschiedenster einseitiger Ansichten, deren jede ihrer Natur nach nur sehr verschobene Vorstellungen geben konnte, eine allseitig richtigere Anschauung von der Ausdehnung der Dinge im Raume, in welcher es keine verkürzte Tiefe, keinen Unterschied von nebeneinander und hintereinander mehr giebt, sondern alle Dimensionen gleich zu ihrem Rechte kommen und von der Phantasie überschaut werden. Eine solche Heraus- bildung einer neuen vollständigeren Vorstellung aus den verschiedenen, welche die direkte sinn- liche Wahrnehmung uns liefert, ist jedoch offenbar etwas ganz anderes, als die Verschmelzung der beiden Gesichtsfelder, die uns jedes Auge für sich allein liefert, zu dem gemeinsamen stereos- kopischen beim Sehen mit zwei Augen. Wenn aus den einfachen, einseitigen perspektivischen Ansichten etwas so ganz Neues wird, wie eine richtige Vorstellung von der Ausdehnung der Dinge im Raume, die aus jenen Sinneseindrücken gar nicht kombiniert werden kann, sondern
gegenseitige Verbesserungen und Ver-
aus den zerstreuten Einzelergebnissen derselben durch g
knüpfungen erschlossen werden muß, so liegt es klar auf der Hand, daß wir es hier mit einem


