Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12.

allmächtigen Schönheitssinnes, welcher das gesamte Volk der Hellenen durchdrang und allen ibren Schöpfungen sein Gepräge verlieh. So wird der schlichte Krug, welchen der Töpfer m seiner Werkstatt dreht und bemalt, unter seiner Hand ebenso ein Kunstwerk, wie das Götterbild, welches unter dem Meißel eines Praxiteles Leben gewinnt. Für die Kunst war es ein Glück, daßz der Künstler Handwerker war, die Technik seiner Kunst von den Anfüngen an bis in alle Einzelheiten erlernte und weiterhin selbst noch ausübte, mochte auch vielfach das rein Mechanische derselben ihm von seinen Gehülfen abgenommen werden; und ebenso war es ein Glück für das Handwerk, daß der Handwerker Künstler war und nicht nur sklavisch nach den ihm vorliegenden Mustern zu arbeiten, sondern auch selbständig neue Motive zu erfinden, die vorhandenen Formen in der mannigfaltigsten Weise zu erweitern und umzugestalten verstand.

Auch der Maler und Bildhauer des Mittelalters ist, wenigstens sobald diese Künste aus der Hand der Geistlichkeit in die der Bürgerschaft übergehen, ein schlichter Handwerker, welcher seine Kunst auch handwerksmäßig betreibt von seinen Lehrjahren an, wo er bei einem Meister die Kunst erlernt, dann auf die Wanderschaft geht und endlich sein Meisterstück liefert, das ihm Aufnahme in die ehrsame Zunft verschaffen soll, pis er selbst wieder Lehrlinge und Gesellen in seiner Werkstatt hat und sich redlich bemüht, seine Kunden mit den besten Leistungen seines Pinsels und Meikzels zufrieden zu stellen. Die berühmtesten Künstler, wie der Erzgießer Peter Vischer, der Steinbildner Adam Kraft, der Holzschnitzer Veit Stoß und der Maler Albrecht Dürer waren gelernte Handwerker und lebten wie schlichte Handwerksmeister. Die christlich-germanische Baukunst, die herrliche Gotik, ward in den zünftigen Meisterschulen und Steinmetzhütten gepflegt, wo die Lehrlinge in strenger Zucht stufenmäßzig ausgebildet wurden. Und umgekehrt ist der einfache Schmied, der sein Eisengitter hämmert, der Zinngießer, der die mächtige Kanne gießt und graviert, der Schreiner, der die Truhe schnitzt und mit eingelegter Arbeit verziert, so erfüllt von dem seine Zeit bescelenden künstlerischen Genius, daß auch der bescheidene Hausrat unter seiner Hand zum anmutigen Kunstwerk sich gestaltet. Man denke auch an die Kleider, bei welchen die Schneider in Schnitt und Farbenzusammenstellung, in Stickereien und anderen Ver- zierungen Außerordentliches leisteten, nach Art der Maler wahre Kunst- und Prachtwerke lieferten: Es waltete eben das künstlerische Ingenium fast unabhängig von der Materie und dem beson- deren Zweck. Dasselbe können wir noch heute bei Völkern beobachten, welche im Banne uralter Uberlieferungen leben und zwar nicht nur bei Wilden und Halbwilden, sondern auch bei hoch- civilisierten Völkern, wie Japanern und Chinesen. Wie das einfachste Jagdgerät und Musik- instrument unter den Händen des Indianers einen gewissen künstlerischen Schwung annimmt, so hat auch in den großen Emporien Ostasiens die Kunst noch heute einen volkstümlichen, alle Erzeugnisse der Menschenhand umschließenden Charakter, wenngleich die Anzeichen des nahenden Verfalls sich auch hier mehren.

Hauptsächlich das Handwerk und die eng mit ihm verschwisterte Kunst haben unsere mittelalterlichen Städte mächtig und prächtig, ihr Bürgertum frei und stol⸗ gemacht. Sie wett- eiferten in stolzen Domen, Stadtthoren, Rathäusern, Hallen, Zeug- und Zunfthäusern, in hoch- gegiebelten Patrizier- und Bürgerhäusern, von denen oft jedes eine Kunstsammlung im kleinen war, jedes Schätze von Bild- und Schnitzwerk bis zum einfachsten Gerät herab barg. Plätze und Märkte waren mit kostbaren Brunnen und Steinbildern geschmückt. Und die Verfertiger aller dieser Schönheiten waren in den Zünften fest vereint. Im fünfzehnten Jahrhundert hatten diese Zünfte die Oberhand; sie bildeten den Kern der städtischen Kriegsmacht, und jeder Bürger,

welchen Standes und Berufes er sonst war, ließ sich in eine Handwerkszunft aufnehmen.