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auch die Verfolgung dieses Zweckes durch die Jahrhunderte, herrscht oft das Gegenteil von Ruhe und Klarheit. Besonders in den Muscen kleinerer Städte, die doch für die Volksbildung noch höheren Wert haben, als die selten besuchten der Großstädte, sieht man oft ein Durcheinander der verschiedensten Sachen, so daß man wohl eine Sammlung gewahrt, aber keine Sammlung gewinnt. Dazu kommt die Zeit der Offenhaltung, die oft so karg bemessen ist, daß wührend derselben ein Gedränge herrscht, welches den verständig Genießenden verscheucht. Man sollte nicht alles, was den Forscher anlockt, der großen Menge bieten, sondern ein Körnchen Päda- gogik anwenden.
Es liegt in der obigen Zweckbestimmung der Kunstwerke aber auch die Rechtfertigung des Kunsthandwerkes. Dieses stellt die Ideen, welche sich in den einzelnen Thätigkeiten des Menschen ausdrücken, mit den Mitteln und Materialien der Künste dar. Es hept die Gegen- stände unseres täglichen Gebrauches in eine höhere, reinere Sphäre und setzt auch bei ihnen sinnliche Erscheinung und geistigen Inhalt in Einklang; es belebt sie, so daß sie ihre Arbeit selbstthätig zu erfüllen und unsere Kräfte zu schonen scheinen. Das gewerbliche Kunstwerk erfüllt seinen praktischen Zweck mit Aussicht auf einen höheren. Dieser höhere Zweck besteht darin, daß jede unserer Handlungen und jedes unserer Werke nicht um ihretwillen gethan werden, sondern um der geistigen Förderung des Individuums und der Gesamtheit willen. Dies aber vergessen die Menschen oft und kleben am Niederen; die Kunst am Werkzeug soll sie daran erinnern. Das Werkzeug soll durch seine Gestaltung den Blick aus der Gemeinheit zur Allge- meinheit erheben. Und das ist so wichtig, weil es dies Memento in Augenblicken und an Orten spricht, wo es sonst unter der harten Arbeit vergessen würde. Das gewöhnlichste Geschäft wird auf diese Weise geadelt, indem das Werkzeug seinem Handhaber zuruft:»Was du hier jetzt thust, ist nicht Selbstzweck, sondern ein Glied, ein notwendiges Glied in der Entwicklung der Menschheit zu ihrem geistigen, unendlichen Ziele!« Das verbindet mit dem Ganzen und söhnt aus mit der Beschäftigung auch am Unbedeutenden.
Eben weil die Ideen, welche im Kunsthandwerk ausgedrückt werden, auf einer etwas niederen Stufe stehen und doch zu höheren überleiten, sind sie so recht für das jugendliche Alter und die Vorstufen des Künstlertumes geeignet.
Eine Illustration erfährt dieser Sate durch die Art und Weise, in welcher frühler die Künstler erwuchsen; zugleich liegt in der Geschichte des Kunsthandwerkes eine IIlustration zu der Erscheinung, daß das frühere Schulwesen diese Seite der Erziehung ungestraft vernach- lässigen durfte.
Das vielbewunderte alte Griechenland kennt keinen Unterschied zwischen Kunst und Handwerk, hat für beides nur einen Begriff; Plato stellt ruhig die Bildhauer mit Schustern und Zimmerleuten in eine Linie. Freilich leidet infolgedessen der Künstler unter dem allgemeinen Vorurteil, welches den Hellenen jede gegen Bezahlung ausgeübte Kunstfertigkeit als panausisch, als unwürdig eines freien Mannes, erscheinen läßt; aber das hinderte doch nicht, daß hervor- ragende Meister allgemein geschätzt und bewundert, auch durch äuferliche Ehren ausgezeichnet und des Umganges mit den ersten Männern des Staates gewürdigt wurden. Ein gewisser Makel blieb ihnen allerdings trotz alledem; die Griechen haben ihren Feldherren und Staatsmännern, ihren Dichtern und Rednern Statuen gesetzt; aber unseres Wissens weder einem Phidias noch einem Apelles.
So stand der griechische Künstler auf keiner höheren gesellschaftlichen Stufe, fühlte sich nicht erhabener, als der einfache Handwerker; lebte doch auch in diesem ein Teil jenes


