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lichung ihres Kultus heranzog., so darf man sich nicht wundern, daß die Musik, das ist der Gesang, ein Hausrecht in der Schule pehielt. Für die Poesie ist diese Erscheinung noch begreif- licher, da die Schätze unserer Sprachen zunächst nur in poetischer Form niedergelegt Waren und also nur in dieser Form den Schülern geboten werden konnten. Und wenn jetzt auch die Prosa den größten Teil des Schrifttums beherrscht, so behauptet sich daneben nicht nur die Poesie, sondern auch die Prosa sucht ihre Darstellungen künstlerisch zu gestalten, also im Grunde Poesie zu sein.
Daß das Zeichnen trot⸗ mannigfacher Versuche, durch andere Zweige der räumlichen Kunst ergänzt zu werden, seine Alleinherrschaft im Schulunterricht pisher behauptet hat, ist ebenfalls auf äußere und innere Gründe zurückzuführen.
Ein Blick auf das Wesen der räumlichen Künste wird dies genauer darlegen.
Wenn eben als Zweige der räumlichen Kunst Architektur, Plastik und Malerei genannt worden sind, so will ich hier gleich prinzipiell das Kunsthandwerk, welches sich die Elemente der anderen drei zu nutze macht, mit anführen. Es wird später Gelegenheit sein, nicht nur auf den inneren Zusammenhang des Kunsthandwerkes mit der sogenannten hohen Kunst, sondern auch auf die früher stattgehabte Verbindung beider in denselben Persönlichkeiten hinzuweisen.
Die Kunst ist die Darstellung des Schönen in den Formen, aber nicht im Material der Wirklichkeit, da die Kunst die Materialien ganz anders verwendet, als die wirkliche Natur. Das Schöne ist die Idee in der Anschauung. Die Ideen sind also die Objekte der Kunst. Daraus folgt, daß die verschiedenen Künste sich in ihren Objekten nicht wesentlich unterscheiden, pei ihren Darstellungen dagegen zu verschiedenen Mitteln und Materien greifen.
Die Objekte der Architektur sind die Ideen, welche sich in den großen Lebensgemein- schaften verkörpern, in Kirche, Staat, Familie, Schule. Sie penutzt als Mittel die Form, d. i. einen pegrenzten Teil des allgemeinen Raumes und wählt als Material Stein, Holz, Eisen u. s. w. Die Plastik stellt nur die Ideen dar, welche sich in Persönlichkeiten, Individuen, verkörpern lassen; ihr Mittel ist dasselbe, wie in der Architektur, ihr Material Stein, Erz, Holz, Thon, Wachs, Gips u. s. w. Die Malerei endlich führt uns Verkörperungen von Ideen in jeder realen, ja in jeder nur real geglaubten Erscheinung vor; ihre Mittel sind die lineare Komposition und das Kolorit, ihre Materialien verschiedene Farbstoffe und Untergründe, also räumliche Größen mit nur zwei Ausdehnungen.
Wenn auch für die Sache selbst von geringerer Bedeutung, so doch für den Unterricht wichtig sind auch die von den darstellenden Künstlern benutzten Werkzeuge, deren Kenntnis wohl bei jedem Leser vorauszusetzen ist.
Als besonderes Merkmal des Kunstschönen wird oft die Zwecklosigkeit desselben betont. Das darf nicht heißen, das Kunstwerk soll zweck- und bestimmungslos sein, sondern es mubß heißen, sein Zweck liegt nicht in den Mitteln und Materialien seiner Darstellung, sondern in seiner Idee, er ist ein geistiger. Wenn ich mir eine Büste aufstelle, so will ich mit der petreffenden Persönlichkeit geistigen Verkehr pflegen, mich in guter Gesellschaft befinden; eine Landschaft soll mir den Genubz der schönen Natur ungestört und gereinigt, vergeistigt wiederholen. Das sind doch auch Zwecke. Es liegt in dieser Behauptung allerdings die Forderung, daß es jedem möglich sein müsse, sich solche Kunstwerke aufzustellen und daß es verderblich werden kann, wenn das Volk sich daran gewöhnt, sie nur in öffentlichen Sammlungen in Gemeinschaft anzu- staunen. Leider bieten unsere Museen nicht einmal immer diesen allgemeinen Genuß. Da, wo ein höherer Zweck unseres Daseins nicht nur von Künstlern unserer Zeit gepredigt wird. sondern


