Es sollen hier nur noch einige Aussprüche Pestalozzis und seiner Nachfolger angeführt werden, welche auf den diesen Zeilen gesetzten Zweck hindeuten und beweisen, daß oft genug das Gefühl durchgebrochen ist, das Zeichnen sei nicht Selbstzweck, sondern nur ein bedquemes Mittel, das Kunstgefühl zu beleben und auszubilden. Pestalozzi sagt:»Die Natur giebt dem Kinde keine Linien, sie giebt ihm nur Sachen, und die Linien müssen ihm darum gegeben werden, damit es die Sachen richtig anschaue; aber die Sachen müssen ihm nicht genommen werden, damit es die Linien allein sehe.— Das Fundament der Fortschritte der Kinder ist nicht bloß in ihrer Hand, es ist in den innersten Kräften der Menschennatur begründet, und die Anwendungs- bücher der Ausmessungsformen geben dann die Reihenfolge der Mittel an die Hand. durch welche das Nachstreben mit psychologischer Kunst und in den Schranken der physisch-mechanischen Gesetze benutzt, die Kinder stufenweise auf den Punkt hebt, den wir schon oben perührt, daß sie nämlich das weitere im Auge haben, die Ausmessungslinien ihnen allmählich ganz über- flüssig werden, und von den Führungsmitteln der Kunst ihnen nichts übrig pleibt, als die Kunst selber«.—
Joseph Schmidt, ein Schüler Pestalozzis, schreibt:»Alle Zeichenübungen sind nicht Mittel zum Zeichnenlernen, sondern vielmehr Mittel, die Kunstkraft unserer Natur psychologisch und allgemein zu entfalten. Demgemäß muß die Elementarbildung im Zeichnen von Grundsätzen und Mitteln ausgehen, welche die allgemeine Entfaltung aller Kräfte und Anlagen der Menschen- natur bezwecken. Da aber alle Menschen auf eine gleiche, harmonische Ausbildung Anrecht haben, und allen die Kunstkraft innewohnt, so ist es auch nötig, daß bei allen dieselbe allgemein ausgebildet wird.«
Schon aus dieser schnellen Wanderung durch die Geschichte der Pädagogik ergeben sich zwei hervorstechende Thatsachen in Beziehung auf die Behandlung der Künste in der Schule. Die erste betrifft die stete Anwesenheit der Musik, die sich wie ein roter Faden durch das Gewebe der Fächer zieht; die andere zeigt uns trotz öfterer Versuche, auch die übprigen rüum- lichen Künste in die Schule zu ziehen, die stete Rückkehr zum Zeichnen im besonderen.
Beides hat seine äußeren und inneren Gründe. Die drei zeitlichen Künste: Musik. Mimik und Poesie unterscheiden sich von den räumlichen: Architektur, Plastik und Malerei vor allen Dingen dadurch, daß bei jenen Mittel und Material der künstlerischen Darstellung im Menschen selbst liegen oder doch liegen können, während sie bei den letzteren aus der Außen- welt entnommen werden müssen. So ist zum Betrieb der zeitlichen Künste kein äußerer Apparat nötig und das ist ein wichtiges Moment für die Schule. Dazu kommt, daß diese drei Künste vielfach in einander übergehen und mit einander dargestellt werden können. Vor allen Dingen kann die Musik bei ihrem Vortrage Mimik und Poesie leicht heranziehen und so ausbilden. Zwischen der Musik und der Poesie besteht noch ein engerer Zusammenhang, indem der ploße Ton naturgemäß seinen Mitausdruck im Worte sucht, daher vor alters»singen« und»sagen« gleichbedeutend war. Und wo, wie in Griechenland und auch in unserem Mittelalter selbst epische Dichtungen mit Musikbegleitung vorgetragen werden mußten, da wählte man zu letzterer natürlich ein Instrument, welches den Mund nicht in Anspruch nahm. Dazu kommt, daß auch der nur sprachliche Vortrag von Gedichten leicht mit der Mimik zu verbinden ist, wie ja selbst unsere jüngsten Schüler das verehrliche Publikum durch ihre Geberdensprache beim Hersagen kleiner Gedichte entzücken. Erwägt man dazu, daß bis zu unseren Tagen die Kirche die Hauptherrscherin und Mutter der Schule war, daßz also auch sie sich dieselbe für ihre Aufführungen dienstbar machte, indem sie bei den mannigfachsten Gelegenheiten die Stimmen der Kinder zur Verherr-
Wöhlerschule 1893. 2


