Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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»Thätigkeiten sollen im Thun erlernt werden. Die Anwendung der Werkzeuge werde mehr mit der That, als mit Worten angezeigt, d. h. mehr durchs Beispiel, als durch Lehre. Die ersten Ubungen der Anfünger müssen an bekannten Stoffen vo rgenommen werden. Die Nach- ahmung halte sich streng an die vorgeschriebene Form, später kann sie eine freiere werden. Der erste Nachaheuungsversuch muß aufs höchste sorgfältig sein, daß vom Vorbilde auch nicht im kleinsten Zuge abgewichen werde. Die Muster für das, was getrieben werden soll, müssen so vollkommen als möglich sein, damit, wenn sie jemand vollständig wiedergiebt, er für vollkommen in seiner Kunst gehalten werden könne.«

Daß diese geläuterten Ideen in und gleich nach den Wirren des dreißigjährigen Krieges nicht auf Verwirklichung rechnen konnten, ist klar, und so ist es gekommen, daß wir erst heute manche davon ins Schullel ben einführen. Doch fiel manches Samenkorn schon damals auf frucht- baren Boden; sowohl der Pietismus, als auch Pestalozzi haben manches davon aufgepflegt. Selbst die Philanthropen zeigen viel Verwandtschaft. Jedenfalls ist von ihnen der Zeichen- und auch der HlandfertieNeifenmterricht in die Schule eingeflhrt worden und von dieser Zeit an nicht wieder völlig aus derselben verschwunden. In Salzmanns Erziehungsanstalt Schnepfenthal wurde nicht nur Hand- und Planzeichnen, sondern auch Handarbeit, Pappen und Modellieren gelehrt. Dal auch Dichter und Gelehrte jener Zeit dem Zeichenunterricht hohen Wert zusprachen, ersehen wir aus den Worten Goethes:»Von der Wichtigkeit des Unterrichts in der Zeichenkunst, als Teil der Erziehung betrachtet, kann man sich am besten überzeugen, wenn man bedenkt, dalß dem Menschen durch diesen Unterricht eine schöne Erweiterung seines Genusses an der Sinnen⸗ welt erwächst; das ganze Reich der Formen und Farben schließt sich ihm auf, ein neues Organ: wird belebt, d heitersten Begriffe erwachen, er lernt die schöne Natur kennen, sie hochachten, lieben und sich ihrer erfreuen.«

Je mehr die Realien das UÜber gewicht in den Schulen gewannen, besonders nach Gründung der Realschulen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, desto mehr war auch die Stellung des Zeichnens in der Schule gesichert. Aber nun entstand eine neue Scl awierigkeit: Die Beschaffung der Zeichenlehrer. Es war naturgemäß, daß Maler in solche Stellungen traten, und viele von ihnen haben mit Segen gewirkt und neben ihrer Scl nulleistung treffliche Anweisungen für diesen Unter- richt geschrieben. Aber die Mehrzahl war der Stellung als Pädagoge nicht gewachsen und vor allen Dingen geriet der Zeichenunterricht völlig in Abhängigkeit von der Malerei; ein U mstand, der einerseits zu dem berüchtigten Kopieren aller möglichen Vorlagen führte, andherorselfs das Formgefühl verkümmern ließ, weil die übrigen räumlichen Künste g ganz unbeachtei blieben. Es ist hier nicht Zeit und Ort, die Entwicklung des Zeichenunterrichtes von Pestalozzi bis in unsere Tage zu verfolgen. Eine große Anzahl hervorragender Männer hat ihr Bestes gethan, um diesen Unterricht dem Schulleben einzugliedern und schulmäß ig zu gestalten, so daß sich die Methode desselben vor der anderer Fächer nicht zu schämen braucht. Die hohen Behörden haben diesem Streben Schritt vor Schritt Rechnung getragen und durch Lehrpläne und V erfügungen die Stellung dieses Unterrichtes zu sichern gesucht. Auch die Verbindung mit den anderen Fächern ist durch die Verfügung über»eine maßvolle Verwendung des Zeichnens in den anderen Unterrichsfächern« angestrebt worden. Doch wird es wohl noch einige Zeit wühren, bis alle Wünsche zur Wahr- heit werden, da bis jetzt weder bei den übrigen Lehrern noch bei dem Publikum eine richtige Kenntnis und Würdigung des Zeichenunterrichtes gefunden wird. Doch gut Ding will Weile

haben, und wir Zeichenlehrer sind unseres schließlichen Erfolges sicher.