Aufsatz 
Die räumlichen Künste in der Schule
Entstehung
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Durchdringung erwächst auch jedem dieser beiden Geistesvermögen die größte Kraft, sogar die Kraft, sich zeitweilig mit voller Klarheit und Schärfe isolieren zu können.

Wenn im folgenden ein kurzer Gang durch die Geschichte der Pädagogik gemacht werden soll, um zu sehen, wie sich letztere mit der harmonischen Ausbildung von Verstand und Phantasie abgefunden hat, so mögen vorher noch zwei Punkte erwähnt werden, welche für eine richtige Beleuchtung unseres Weges sorgen, In der landläufigen Anschauung deckt sich die Forderung einer Einbeziehung der Phantasie in den Schulunterricht, und ein Unterricht in den Künsten selbst durchaus nicht. Einerseits ist man gewöhnt, die Kunst als etwas zwar Edles und Schönes, aber doch nur Angenehmes, halbwegs Entbehrliches, wenn nicht Nutzloses, als einen Schmuck reicheren Lebens zu betrachten. Andererseits waren die Wissenschaften früher weniger entwickelt und in ihrem cigensten Fahrwasser fortgeschritten, sie schleppten immer noch ein gut Teil Kunstgefühl mit sich. Mit dem Aufblühen und dem Ausbau der exakten Wissen- schaften hat sich dies Verhältnis aber gänzlich geändert. So muß der Unterricht in den Künsten direkt gefordert werden, um ein wirksames Gegengewicht gegen die einseitige Wissenschaft zu erlangen, und diese in der Schule wieder allmählich zu einer anderen Behandlung ihrer Objekte zu führen. Sodann darf pei den folgenden Ausführungen der Unterschied nicht vergessen werden zwischen dem, was man früher Jugendunterricht und Schule nannte und dem, was die moderne allgemeine Pflichtschule will.

Eine klare Einsicht in den Gang und das Wesen der Jugenderziehung empfangen wir zuerst von den Griechen. Die musische Erziehung, d. h. die Ausbildung der geistigen Anlagen, war bei fast allen Griechenstämmen durchaus Sache der Familie und nur mehr oder minder vom Staate beaufsichtigt. Allein die körperliche Erziehung war Staatssache. Die wissenschaftlichen Fächer, in denen unterrichtet wurde, waren: Lesen, Schreiben, Arithmetik, Geometrie und Astro- nomie. Von der künstlerischen Seite wurde immer und überall die Musik gepflegt. Der Zweck dieser Pflege war nicht nur ihre Einwirkung auf den Kultus und die Milderung der Sitten, sondern vor allem ihre untrennbare Verbindung mit der Poesie. Die Gedichte wurden nur mit Musikbegleitung vorgetragen. Dieser Vortrag erforderte die Ubung im Spielen der Lyra. Die räumliche Kunst trat erst später in den Unterricht. Etwa im vierten Jahrhundert v. Chr. wurde, angeblich auf Veranlassung des Hauptes der Malerschule zu Sikyon, Pamphilos, das Zeichnen in den Unterricht der Knaben aufgenommen. Dieselben lernten auf hierzu hergerichteten Tafeln von Buchsbaumholz mit dem Griffel oder dem Pinsel zeichnen. Da die sikyonische Schule ganz besonders Wert auf richtige Zeichnung legte, dagegen im Kolorit hinter den anderen Maler- schulen jener Zeit zurückgestanden zu haben scheint, so darf man auch wohl petreffs des Zeichen- unterrichtes annehmen, daß derselbe sich wesentlich auf Umrißzeichnungen beschränkt haben wird. Nach Alexanders des Großen Tode zerfiel Griechenland immer mehr politisch, wie sittlich. Das große Leben drängte sich besonders in Athen und Alexandrien zusammen. Hierhin strömten die Kaufleute aller Völker, hier sammelten sich auch die Gelehrten, so daß die Wissenschaften eifrig gepflegt wurden. Dadurch wurden diese Städte auch Sammelpunkte der wissensbegierigen Jugend. So bildete sich besonders in Alexandrien der Unterricht zu einem vollständigen Lehr- plane(Encyklopädie) aus. Dieser umfaßte folgende sieben Wissenschaften: Grammatik, Rhetorik, Philosophie oder Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Es fehlt nicht nur die Gymnastik, sondern auch das Zeichnen; sie fanden in diesem Kreise, der auf dem lebhaft wogenden und hastenden Strome des Handelslebens ruhte, keinen Platz, obwohl dieser Kreis die sieben freien Künste genannt wurde und bis zur Reformation der Kanon des Schullebens blieb.