kein Forscher zu erklären und zu begründen. Es giebt nur zwei Wege, uns mit dieser Sache abzufinden: leugnen oder glauben, Materialist oder Idealist sein. Groß ist der Dienst, welchen die Wissenschaft den Menschen leistet, für den Erwerb, die Bequemlichkeit, die Belehrung; aber den entscheidenden Dienst für den einzelnen Menschen, wie für die Zeitrichtung leistet sie nicht. Versteht man unter Kultur die Gesamterscheinung des Geisteslebens, so hat die Kunst ebenso- sehr den Durst nach Wissenschaft geweckt wie umgekehrt. Jede ist die größte in ihrem Bereiche, aber das Reich der Kunst steht ethisch höher als das des Forschens und Wissens. Die Wissen- schaft bewirkt Nutzen, die Kunst Ehrfurcht. Oder ist es zufällig, daß trotz aller Naturwissen- schaft auch der Natur gegenüber eine Gefühlsroheit in unserem Geschlechte Platz gegriffen hat, aber keine Achtung vor der Natur? Mit dem Satze von der ausschließlichen Wahrheitsforschung der Wissenschaft kommen wir kaum bis an die alte Pilatusfrage. Die ewige Wahrheit zeigt uns ihr Bild in der Kunst, und da die größte Vollkommenheit, die wir erstreben können, die Gottähnlichkeit ist, so mögen wir im Frohgefühl der uns verliehenen Kräfte in der Wissenschaft nach Erkenntnis ringen, aber daneben zu unserer Befriedigung und Beseligung in der Kunst das Ziel unseres Forschens vorweg nehmen.
Der geistige Reichtum beruht in der Aufnahme von Sinneseindrücken, d. i. Material von Vorstellungen. Richtige Geistesbildung erwächst aus der Ubung und dem zweckmäbiigen Gebrauch der Sinne. Die Ausbildung der Sinne ist also zunächst die Hauptsache. Die Sinneswahrneh- mungen beginnen mit einem Gesamteindruck, dem die Einzelbetrachtung folgt. Tritt die Wahr- nehmung sogleich ins Bewutbztsein, so nennen wir dies Verhalten der Vorstellung Phantasie. Dieselbe geht also von der Anschauung des Ganzen aus und sucht sodann das harmonische Ver- hältnis seiner Teile zu ermitteln und zu verstehen. Sie hält die Gesamtheit der Form fest, sucht aber daraus das Widerstreitende und Dunkle zu entfernen bis zum Ideal, d. i. dem durchsichtigen Ausdruck einer Idee. Werden dagegen die Vorstellungen nach ihrem Inhalte verknüpft oder getrennt, so nennen wir die damit betraute Fähigkeit des Geistes Verstand. Er ist deduktiv, indem er das Einzelne dem Begriff unterordnet, induktiv, indem er die Einzelheiten zum Begriff verknüpft. Aus der Verbindung von Verstand und Phantasie entspringen die verschiedenen Geistesrichtungen der Individuen, deren wir vier annehmen:
1. betrachtend; d. i. induktiver Verstand und anschauliche Phantasie. 2. erfinderisch; d. i. induktiver Verstand und kombinierende Phantasie. 3. zergliedernd; d. i. deduktiver Verstand und anschauliche Phantasie.
4. spekulativ; d. i. deduktiver Verstand und kombinierende Phantasie.
Die P'hantasie kann sich den andrängenden Anschauungen gegenüber passiv oder aktiv verhalten, je nachdem das Individuum alles an sich vorüber rauschen läßt, oder indem der Wille die Auswahl der Vorstellungen trifft. Zu der aktiven Phantasie müssen die Menschen erzogen werden; das Material dazu liefern die bisherigen Erzeugnisse der Phantasie, die Künste. In diesen, nicht in der Natur, hat die Erziehung ihre ersten Vorbilder zu suchen. Oder soll man die Phantasie ganz ertöten? Dann würde der Verstand allein herrschen; doch indem er es würde, löste er sich von seinem eigenen Nährboden, den Sinnen, ab und verlöre sich in haltlose Speku- lationen. So bleibt nichts übrig, als die Phantasie mit in den Kauf zu nehmen und sie aus einem sprossenreichen, aber ungezügelten Wildling zu einer treuen und eifrigen Dienerin des Verstandes zu erziehen. Aus der Durchdringung von Verstand und Phantasie erwächst die
höchste Leistungsfähigkeit des Menschen, ohne seine Kräfte vorzeitig aufzureiben, und in dieser


