— 42—
nur geringe Hoffnung boten, und der mächtige, alle Kräfte anspannende Aufschwung der Industrie in unseren Tagen hat bei Seidel die Gegenwirkung hervorgerufen, daſs er für die nie verjährenden Rechte des Herzens eintritt. Wir sehen also, in allen Entwicklungsstufen der Idyllenpoesie scheinen die äufseren Umstände den ganzen Menschen in Anspruch zu nehmen, und gegen ihre Tyrannei bäumt sich das menschliche Herz auf. Darin ist es denn auch begründet, daſs die Idylle eine ausgeprägt zeitgeschichtliche Bedeutung hat, und zugleich gegenüber den Hauptströmungen der Zeit nur eine Unterströmung darstellt. minendatres Für die moderne Idylle rückt dieser Gegensatz in eine moderne soziale noch hellere Beleuchtung, wenn wir ihr das ganz von modernem Drama. Geiste durchtränkte soziale Drama der Gegenwart gegen- überstellen, eine Gegenüberstellung, die in der Tatsache ihre grundsätzliche Berechtigung hat, dass überhaupt die Idylle „als die Poesie der Empfindung“ und das Drama„als die Poesie der Tat“(Prwin Rohde) Gegensätze sind. ¹) In dem modernen Drama also sind die durchweg den Niederungen des Lebens entnommenen Personen gänzlich abhängig von der Umwelt, dem Milieu, nach Zeit und Ort und Verhältnissen, so dass eine aus der Eigenart und der Selbstbestimmung des Menschen sich ergebende Handlung unmõglich wird und das Drama— nur unwesentlich über den naturalistischen Roman der Zeit hinausragend— nicht so sehr Menschen und Taten, als Zustände und soziale Schäden zur Darstellung bringt, eine Darstellung, deren düsterer Hintergrund die dumpfe Atmosphäre eines gottverlassenen, niederdrückenden Determinismus und Pessimismus ist. In der Idylle schafft sich der Wille des arbeitsfreudigen und zugleich daseins- frohen Menschen in innerlich befreiendem Optimismus seine eigene Welt, die uns stärkt und erhebt, weil in ihr die Pflichten der Selbstgenügsamkeit und Selbstbeschränkung zu ihrem Rechte kommen, nicht aber die rücksichtslosen Forderungen der Zeit brutal und herrisch Erfüllung heischen.
²) Trotz dieses Gegensatzes ist es psychologisch sehr wohl begreiflich, wenn ein seiner Natur nach so ausgeprägt dramatischer Dichter wie Hebbel doch auch für die Idylle hohe Begabung zeigt.


