Aufsatz 
Voss' Luise und die Entwicklung der deutschen Idylle bis auf Heinrich Seidel
Entstehung
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So vertritt die moderne Idylle in der Zeit der naturalistischen Periode eine literarische Unterstréömung, die sich der Romantik annähert. So ergibt sich weiterhin für diese ldylle die Moglichkeit einer auf psychologischer Grundlage sich aufbauenden, wenn auch einfachen, alles Problematische ausschlieſsenden Handlung. Denn ein Ubermafs an Hand- lung verträgt sich ebensowenig mit dem Begriffe des 2101AAl0, des Genrebildes, wie alles zu stark Individuelle so dass der Vergleich mit dem Sittenbilde der Holländer sich geradezu aufdrängt.

Neue Aufgaben stellt die moderne Zeit der ldyllen- dichtung. Die Vossische Richtung ist im Prinzip üuberwunden, wenn sie auch gewiss noch Vertreter finden wird. ¹) Die Möglichkeit dazu ist um so grösser, je mehr der abgehetzte Grofsstädter die Wohltaten des Landlebens an seinem eigenen Leibe empfindet. Aber der- jenige Dichter würde doch rückständig sein, der nicht seine Personen so zu gestalten wüfste, daſs sie nach ihrer schlichten, daseinsfrohen Lebensauffassung nicht nach ihrem amt- lichen oder beruflichen Charakter Träger einer idyllischen Handlung sein können. Die ländliche Umgebung muſs zurück, die Persönlichkeit in den Vordergrund treten. ²)

¹) Die Worte waren bereits niedergeschrieben, da erhielt ich durch die Freundlichkeit eines Kollegen die 1902 erschienene Idylle Hermann und Dorothea des österreichischen Dichters Ferdinand von Saar, der in den letzten Jahren nicht nur in seiner engeren Heimat, sondern auch imReich mehr und mehr Beachtung und Anerkennung findet. Voß' Einfluß zeigt sich nach Inhalt und Forin. Die ldylle spielt in landlichen Verhältnissen und zwar in Mähren; den Hintergrund bilden die Kümpfe zwischen Czechen und Deutschen, von denen sich das Glück des jungen Paares abhebt. Die Heldin, eine Wiener Lehrerin, liest bei einem Feste der Deutschen ausgewählte Stücke aus Goethes Hermann und Dorothea vor. Bei dieser Gelegenheit wird der junge Hermann Mattusch von Zuneigung zu ihr ergriffen. Die beiden Hauptpersonen treten als lebenswahre Gestalten in klaren Umrissen hervor, und auch die anderen Personen weiß der Dichter geschickt zu individualisieren.

²) Diesen Forderungen entspricht die Idylle Mein Tuskulanum von H. Kruse, dem am 12. Juli 1902 verstorbenen Chef der Kölnischen Zeitung, aus dessen Nachlaß das Gedicht in den Grenzboten Jahrgang 1902 Heft 9 abgedruckt ist. Da es zu kurz ist, um in den Rahmen

Ausblick.