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verpflichtend an. Sie hält es mit der Weisheit des Brahmanen: „Wer feige Frieden sucht nur für sein eigen Teil, Wird zum Verräter an der Welt gemeinem Heil“. Ebensowenig aber die Idylle ihrer Natur nach weltflüchtig ist, ebensowenig darf nach ihrer Idee das Menschsein ohne Rest in dem Kämpfersein aufgehen, vielmehr soll die Sehnsucht nach innerer Ausgleichung und Befriedung neben den Ar- beiten und Pflichten des Tages ihr ewiges Recht behaupten.
Indem die Idylle der Zeit ein Glückseligkeitsideal vorhält, tritt sie in Gegensatz zu den herrschenden An- schauungen der Zeit, und so kommt es, dafs jede ldylle in ihrem innersten Kerne unmodern ist, weil sie neben den Hauptstrômungen der Zeit nur eine Unterströmung darstellt. Es gilt von ihr, was Paulsen¹)— vielleicht sogar nicht in demselben Maſse zutreffend— von der Philosophie sagt: „Die Philosophie steht zu ihrer Zeit nicht in dem Verhält- nis, daſs sie ausdrückt, was diese Zeit hat, sondern eher in dem, daſs sie ausdrückt, was ihr fehlt; sie zeigt, was die Nachdenklichsten und Sensibelsten unter denen, welche eine Zeit erleben, suchen und erstreben; ihr Ideal trägt die Züge der Gegenwart, aber wie ein Negativ- bild“. In ähnlicher Weise bedeutet die Idylle— nicht vom Standpunkte des abstrakten Denkens, sondern der Em- pfindung und des Gemütes— eine Reaktion gegenüber der jeweiligen Zeit, so sehr, dafs in den meisten Gedichten selbst Spuren dieser Beziehungen unverkennbar sind. Die ldylle des Theokrit ist ein Produkt des alle Verhäaltnisse umgestaltenden Hellenismus; ²) Maler Müller, Geſsner, Voſs haben die sozialen Mifsstände vor der groſsen Revolution zur Voraussetzung; um die Mitte des 19. Jahrhunderts suchten die Dichter in der Idylle Trost gegen die Zer- fahrenheit der politischen Verhältnisse, die der allgemeinen Sehnsucht des deutschen Volkes nach Einheit und Freiheit
¹) System der Ethik, S. 85.
²) Näheres über diese für alle späteren Idyllen gleichsam vorbild- lichen Beziehungen bei Rohde, der griechische Roman S. 504 ff., und be- sonders S. 510(anläßlich der Besprechung der idyllischen Novelle des Dio Chrysostomus Eöoυ Kuνννεο).
Beziehungen jeder Idyllendichtung zu ihrer Zeit.


