Aufsatz 
Voss' Luise und die Entwicklung der deutschen Idylle bis auf Heinrich Seidel
Entstehung
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Die Verschiedenheit des Glückselig- keitsideals bei Voß und Seidel.

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in seinem Tibur preist. Demnach sind wir wohl berechtigt, die Seidelsche Art eine sentimentalische zu nennen, denn sie wird allerdings den Forderungen gerecht, die Schiller an die Zukunftsidylle gestellt hat. Die Tatsache aber, daſs Schillers Genius diese Entwicklung der Idylle in wesent- lichen Zügen voraussah, beweist schlagend, daſs die neue Stufe durchaus dem Wesen der Dichtung entspricht, wenn sie auch gegenüber der gesamten Idyllenpoesie seit Theokrit eine in die Augen fallende und tief einschneidende Anderung bedeutet.

Der Unterschied zwischen Vofſs und Seidel wird bei genauer Betrachtung des Glückseligkeitsideals, das beide ihrer Zeit vorhalten, noch deutlicher. Bei Voſs liegt das Glück in äufseren Verhältnissen, und es findet treffenden Ausdruck bei Vergil Georg. II 485 f.: O fortunatos, nimium sua si bona norint, agricolas oder auch in dem Distichon aus Schillers Spaziergang:Glückliches Volk der Gefilde, noch nicht zur Freiheit erwachet, Teilst du mit deiner Flur fröhlich das enge Gesetz. Seidel legt das Glück in die Brust des Menschen, und auf seine Art mag eher ein Wort des Dichters passen, der nirgends liebenswerter und natürlicher ist, als wo er dasVollglück in der Be- schränkung¹¹) preist. Es ist das bekannte Wort des Horaz (carm. II 1600. 13 ff.):

Vivitur parvo bene, cui paternum Splendet in mensa tenui salinum

Nec leves somnos timor aut cupido Sordidus aufert.

Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daſs wir die Stelle nicht ganz in dem Sinne des Horaz auffassen. Denn die Ruheseligkeit der Idylle ist sehr scharf zu trennen von dem Quietismus der Epikureer, die, das rüstige Wirken in der Welt mit Bewuſstsein ablehnend, das Ideal des Lebens in der Zurückgezogenheit erblicken. Die Idylle hat vielmehr die Betätigung der Kräfte im Leben zur Voraussetzung und erkennt diese als sittlich berechtigt und sittlich

¹) Der Ausdruck stammt von Jean Paul. Vorschule der Asthetik§ 73.