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Bleibende von dem Zufälligen zu sondern und so die Idylle einer neuen Blüte zuzuführen.„Theokrit hat mich zuerst“—- schreibt er an seinen Freund Brückner—„auf die eigentliche Bestimmung dieser Dichtungsart aufmerksam gemacht.“
Was hat Voſs von Theokrit gelernt? Er selbst sagt es in den Worten:„Man sieht bei ihm nichts von idealischer Welt und verfeinerten Schäfern. Er hat sicilische Natur und sicilische Schäfer, die oft so pöbelhaft sprechen wie unsere Bauern“. Also den Realismus des Meisters hat der Schüler erkannt, und eben diese realistische Behandlung hat die hellenistische Idylle gemeinsam mit der Novelle oder erotischen Erzählung jener Zeit, ¹) mit der sie ver- wandt ist. Demnach kommt es PTheokrit nicht an auf Einfalt und Unschuld der Sitten, auf die Empfindungen eines unverdorbenen Herzens, sondern auf möglichst treue Zeichnung des Volkes und seines Treibens Indem Voſs das erkannte, hatte er den Gefsnerschen Standpunkt in sich überwunden. Damit war für ihn die Lokalfarbe seiner ldyllen wie von selbst gegeben. Wie bei Theokrit sicilische Hirten auftreten und sicilische Zustände überall hervor- leuchten, so hebt sich in der Luise das schleswig-holsteinsche Land in deutlichen Umrissen als Hintergrund der Handlung ab. Diese Lokalfarbe gewinnt aber in der deutschen Idylle eine um so gröfsere Bedeutung, da heutzutage Land und Leute als viel enger zusammengehörig empfunden werden als im Altertum. Eben in der hellenistischen Zeit fängt man ja erst an, Verständnis für die Natur zu bekommen, und es ist kein Zufall, daſs damals erst die Genre- und Land- schaftsmalerei aufkam oder wenigstens sich selbständiger entfaltete. Bis dahin war die Natur nur die stumme Zeugin menschlichen Handelns. Dem modernen Menschen dagegen spricht sie eine beredte Sprache, und lebhaft empfindet er ihren Einfluſs auf das eigne Wesen. Daher erkennen wir die Voſsschen Personen als Norddeutsche, wenn sie auch nicht wie bei Voſs' süddeutschem Gegenstück Hebel im Dialekt sprechen.
¹) E. Rohde a. a. O. S. 6 f. und S. 88.


