Aufsatz 
Voss' Luise und die Entwicklung der deutschen Idylle bis auf Heinrich Seidel
Entstehung
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Volkes und seines Treibens. Keck und sicher greift der Dichter hinein ins volle Menschenleben, schade nur, daſs Hillebrand nicht mit Unrecht erinnern durfte an das bekannte Wort: Natur, du bist doch gar zu natürlich. Während Geſsner gekünstelt und deshalb innerlich unwahr ist, wird die Na- türlichkeit bei Müller platt und gewöhnlich. ¹) Müller ist so auf dem Gebiete der Idylle der Vertreter der literarischen Richtung, die wir als Sturm und Drang zu bezeichnen pflegen. Dem unästhetischen Eindruck des Inhalts entspricht die derbnaturalistische Prosa. Müller empfand geradezu, da der Stoff in der gemeinen Alltäglichkeit wurzelte, den Vers als eine lästige Zwangsjacke, in die sich dieser Inhalt nicht fügen wollte. Eine drastische Stelle soll die Sache erläutern. Sie lautet:Halt's Maul, mir über die alten Lieder zu raisonnieren, oder ich schlag' dir eins hinters Ohr. Diese Drohung müſfste, um in Versen ausge- drückt werden zu können, das Charakteristische an ihr, die Sprache der Gasse, abstreifen. Denn will man etwa Verse wagen wie Wenn du's Maul nicht hältst, zu beschimpfen die Lieder der Alten, Führt die erhobene Hand dir klatschend hinter die Ohren,

so ist der Gegensatz zwischen dem Inhalt und dem Kleide, in dem dieser Inhalt erscheint, ebenso verblüffend, wie wenn ein kurtrierischer Bauer statt des einfachen Rockes oder schlichten Kittels den Frack oder den Smoking tragen wollte.

Der Vermittler zwischen dem schwärmerischen Idealis- Voß' Verdienste mus Geſsners und dem rohen Naturalismus Müllers ist Voſs n Aia naynen. geworden, nicht etwa indem er bewufst eine Vermittlung donnehe erstrebt hätte, sondern er ging, unbeirrt und unbeeinfluſst durch die getrübten Strömungen der Zeit, auf die in durch- sichtiger Klarheit sprudelnde Quelle zurück, und ausge- stattet mit nachempfindendem, durch tüchtige philologische Studien geförderten Verständnis wufste er in dem klassischen Vorbilde das Wesentliche von dem Unwesentlichen, das

¹) Eine ähnliche Verherrlichung des Landlebens sowohl nach der idealistischen wie nach der naturalistischen Seite hin bei den Italienern

bereits zur Zeit der Renaissance. Vgl. J. Burckhardt, die Kultur der Renaissance in Italien. Bd II. S. 69 ff.