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Indem so Vofs mit aller Schärfe und mit vollem Be- wusstsein zu Geſsner in Gegensatz trat, lag für ihn die Möglich- keit nahe, daſs er auf die Müllerschen Abwege geriet, um so mehr, da er die zum Teil pöbelhafte Sprache der Bauern des Theokrit wohl bemerkt hatte. Aber gerade in dieser Hinsicht hat er, wie sein Biograph sagt, dichterischen, ja schöpferischen Takt bewiesen. Er läſst in der Luise nicht die hörigen Bauern Mecklenburgs auftreten, auch nicht Bürger und Handwerker, die damals, zumal in der engeren Heimat des Dichters, in kleinsten und ärmlichsten Verhältnissen lebend ein die besten Triebe verkümmerndes Dasein fristeten. Der Dichter tritt vielmehr ein in die be- scheidenen Räume des ländlichen Pfarrhauses, wo er liebens- würdig einfache Sitten und gebildeten Geist, wo er Natur und Kultur vereint findet.„Ein protestantischer Land- geistlicher“, sagt Goethe ¹) bei Besprechung des Eindrucks, den Goldsmiths Landpriester von Wakefield auf ihn gemacht hatte,„ist vielleicht der schônste Gegenstand einer modernen Idylle; er erscheint wie Melchisedech als Priester und König in einer Person. An den unschuldigsten Zustand, der sich auf Erden denken lässt, ist er meistens durch gleiche Beschäftigung, sowie durch gleiche Familienver- hältnisse geknüpft; er ist Vater, Hausherr, Landmann und so vollkommen ein Glied der Gemeine. Auf diesem reinen, schönen, irdischen Grund ruht sein höherer Beruf; ihm ist übergeben, die Menschen ins Leben zu führen, für ihre geistige Erziehung zu sorgen, sie bei allen Haupt- Epochen ihres Daseins zu segnen, sie zu belehren, zu kräftigen, zu trösten, und wenn der Trost für die Gegen- wart nicht ausreicht, die Hoffnung einer glücklichen Zu- kunft heranzurufen und zu verbürgen.“ Wenn dann Goethe weiterhin Goldsmiths Landpriester näher beschreibt, treffen die meisten Züge des Bildes auch auf den Pfarrer von Grünau zu.„Denke man sich einen solchen Mann, mit rein menschlichen Gesinnungen, stark genug, um unter keinen Umständen davon zu weichen, und schon dadurch
¹) Dichtung und Wahrheit II. 10.


