Voß' Entwick- lung zum Dichter der In- dividualpoesie.
und glücklicher Menschheit der allgemeine Begriff dieser Dichtungsart“.....„Der Zweck ist überall nur der, den Menschen im Stand der Unschuld d. h. in einem Zustand der Harmonie und des Friedens mit sich selbst und von aufsen darzustellen.“— Für die folgende Untersuchung ergeben sich die Grenzlinien daraus, daſs die Vossische Luise nicht bloſs den Ausgangspunkt, ¹) sondern auch, wie sich zeigen wird, in einem gewissen Sinne den Mittelpunkt der Erörterung bildet. ²) Es werden demgemäſs nur idyllische Erzählungen gröfseren Umfangs in poetischer, aber auch in prosaischer Form herangezogen, soweit ihre Sprache die hochdeutsche ist. ³)
Voſs ist zum Pfadfinder der idyllischen Poesie ge- worden, indem er— auf die klassischen Vorbilder zurück- gehend— den rechten Einblick in ihr Wesen gewann. Schon als Student in Göttingen las er die griechischen Bukoliker
*) Wenn im Folgenden der Kundige auf manches Bekannte trifft und ihm vielleicht auch dieses oder jenes Citat entbehrlich erscheint, so bittet der Verfasser, was nicht sachlich gerechtfertigt ist, mit der nahe- liegenden Rücksicht auf die jugendlichen Leser dieser Programmab- handlung zu entschuldigen. Denn ebensowenig wie diese— wenigstens für den zweiten Teil— auf den Anspruch selbständiger Forschung und selbständiger Ergebnisse in Bezug auf Entwicklung und Wesen der Idylle verzichten möchte, ebensowenig stellt sie sich ausschließlich in den Dienst der Wissenschaft, da sie zugleich der Schule und im besonderen den Zielen des deutschen Unterrichtes in der Prima eines Gymnasiums, wie sie durch die amtlichen Lehrpläne festgelegt sind, dienen will. In dem ersten Teile wird ein im klassischen Altertum wurzelndes und durch manche einschlägige Fragen allgemeiner Natur lehrreiches Kapitel aus dem deutschen Unterrichte in Prima auf breiterer Grundlage, aber unter fast schulmäßiger Hervorhebung der maßgebenden Gesichtspunkte dargelegt, und der zweite Teil soll— den angesponnenen Faden bis in die Gegenwart fortführend— geistig gereiftere Schüler auf einem begrenzten Gebiete mit den Erscheinungen der zeitgenössischen Literatur vertraut machen und zu ihrer Lektüre anregen.
²) Eine andere Aufgabe stellt sich von Langsdorff, Die Idyllen- dichtung der Deutschen im goldenen Zeitalter der deutschen Literatur. Heidelberg 1861.(Herbstprogramm des Großherzoglichen Lyceums.)
²) Ausgeschlossen sind auch die Humoristen, da Humor und idyllisches Empfinden sich keineswegs decken; vgl. den Abschnitt ‚Seidel und Raabe“.


