Im schroffsten Gegensatze zur ästhetischen steht die literarische Würdigung unserer Dichtung,¹) denn Voſs' Luise ist für ihre Gattung geradezu bahnbrechend ge- worden, und zwar so sehr, daſs wir erst in unseren Tagen angefangen haben, ihre Spuren zu verlassen. Auch hat sie in sozialer Hinsicht für ihre Zeit viel Gutes gewirkt, eine Wirkung, die mit dem Wesen der Idylle aufs engste ver- knüpft ist. Denn es gilt von ihr dasselbe, was Erwin Rhode ²) von der griechischen und aller späteren Romandichtung sagt,„daſs sie, ihrer unsicheren Mittelstellung zwischen Poesie und Prosa gemäſs, nie gänzlich von dem ‚Erdenreste“ einer Tendenz sich hat befreien können.“ Und wenn der Idylle hiermit im Reiche der Dichtung von Rechts wegen ein niederer Standpunkt angewiesen wird, so hat sie doch auch den Vorzug, daſs sie nur auf dem Boden einer ein- heitlichen Weltanschauung sich entwickeln kann. Daher ist es wohl begründet, wenn in den folgenden Ausführungen nebenbei auch von den sozialen Wirkungen der Vossischen Luise die Rede sein wird.
Eine erschöpfende Definition des Begriffes Idylle hat ihre eigenartigen Schwierigkeiten darin, daſs— streng genommen— die Idyllendichtung keine besondere Schrift- gattung ist.) Es gibt bekanntlich in der Lyrik, im Epos, im Drama, ja sogar in der Prosa, Dichtungen idyllischen Charakters. Da es also unmöglich ist, die Art dieser Dich- tungen„nach ihrer Form zu bestimmen, wie wir müſsten“, so sind wir nach einem Ausdrucke Schillers in dem Auf- satze über naive und sentimentalische Dichtung gezwungen, „bloſs auf die darin herrschende Empfindungsweise zu sehen“. Demnach ist„die poetische Darstellung unschuldiger
¹) Ganz ähnlich verhält es sich mit der Homerübersetzung, die nicht das Werk eines nachschaffenden Künstlers ist(kein größerer Gegensatz als zwischen den Übersetzungen von Voß und von Wilamowitz!), sondern eines wohl überlegenden und getreulich arbeitenden Technikers.
²) Der griechische Roman und seine Vorläufer. Leipzig 1876. S. 243.
²) Im weitesten Sinne gilt der Begriff Idylle jetzt auch von Dar- bietungen der bildenden Kunst; doch ist das Wort elν‿μ⁴μονQ”olöunächst für eine bestimmte literarische Erscheinung geprägt. Vgl. Christ, Verhand- lungen der 26. Philologen-Versammlung in Wurzburg. 1868. Seite 49 f.
Literarische und soziale Würdigung.
Begrenzung der Aufgabe.


