Aufsatz 
Über die Orestessage, mit specieller Berücksichtigung des Aeschylus, als Beitrag zur Religionsgeschichte des Altertums / Klingender
Entstehung
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behauptet, die Erinnyen seien ursprünglich Naturmächte gewesen und erst nachher zu ethischen Mächten geworden; denn daraus würde sich die Unerbittlichkeit und Rücksichls- losigkeit, mit welcher sie den Schuldigen verfolgen, so wie der Gegensatz, in welchen sie zu den olympischen Göttern als angeblichen Vertretern der Billigkeit und Gerechtigkeit treten, gar leicht, wie es scheint, erklären. So sagt O. Müller(Eumenid. p. 181): Der Gegensatz der ältern und jüngern Götterwelt, der zwar ohne tiefe Begrindung im griechi- schen Cultus ist, aber damals doch die höchste Bedeutung erlangt hatte, beruht hauptsäch- lich auf dem Verhältnis einer unbedingten Naturnothwendigkeit und eines freien Waltens. Wie Himmel und Erde und Sonne und Mond, die auch der ältern Götterwelt angehören, in ewigem und unverrücktem Bestande ohne Unterlass und überall auf gleiche Weise wirk- sam erscheinen: so sind auch die Erinnyen wie ein Naturgesetz der moralischen Welt anzusehen; ohne Rücksicht auf die besondern Umstände der That, ohne Ansehn der Per- son und Verhältnisse, treffen sie den, welcher die heiligen Bande des Bluts durch Frevel, wie der des Orestes ist, zerrissen hat. Die Erinnyen auf diese Weise, gleichsam wie die Nachtseite der Themis, aufzufassen, war ganz im Geist jener speculativen Theologie, in der Aeschylos Geist grossgezogen worden ist. Durch die Erinnyen, soll Pythagoras gesagt haben, würden die unreinen Seelen, von den reinen getrennt, in unzerreisslichen Banden gehalten; und selbst, wenn die Sonne ihre Bahn verlassen wollte, sagte Herakleitos, wür- den die Erinnyen, die Bundesgenossinnen der Dike, sie zu finden wissen.Die Olym- pischen Götter dagegen, den Stämmen Griechenlands von Anfang an verwandt, in eine verwickelte Geschichte mannichfaltig verflochten, haben soviel Anlass zu Gunst und Un- gunst, Neigung und Abneigung, beziehen sich in ihrer ganzen Thätigkeit so sehr auf be- sondere einzelne Verhältnisse, dass sie jene allgemeinen Grundgesetze darzustellen unfähig sind. Zugleich haben sie eben dadurch, dass sie individueller, menschlicher sind, mehr Einsehn in die besondern Verhältnisse, sie beugen das starre, äusserliche Recht, welches wie ein physisches Gesetz den Thäter trifft und schlägt, auf eine milde Weise nach der innern Verschiedenheit der That u. s. w. Damit stimmt überein, was Schömann(Eum. p. 8) sagt:Allgemeiner ausgedrückt lässt sich diese Versöhnung(der Erinnyen) bezeich- nen als eine Ausgleichung der höhern, durch Rücksichten der Sittlichkeit und Billigkeit bestimmten Gerechtigkeit und des natürlichen unbedingten Triebs nach Rache, der die Thaten nur nach ihrer äusserlichen Beschaffenheit, nicht nach ihrem sittlichen Gehalte auf- fasst, und überall nach jenem äusserlichen Maase Gleiches mit Gleichem vergolten wissen will. Die Schlusstragödie der Orestee soll dann nach Schömann darstellen, wie die alten Rachegötter und ihr Recht in die neue Weltordnung eingetreten sind und hier ihre rechte Stellung und wahre Geltung erst empfangen haben.

Die berühmten Namen der Gelehrten, welche diese Ansichten vertreten, dürfen uns nicht abhalten, denselben zu widersprechen. Die engen Grenzen, welche diesem Programm

gesteckt sind, verbieten, die Mythen, welche die Erinnyen betreffen, ausführlicher zu 4