Aufsatz 
Über die Orestessage, mit specieller Berücksichtigung des Aeschylus, als Beitrag zur Religionsgeschichte des Altertums / Klingender
Entstehung
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sich für den Augenblick wieder zurecht findend hinzu,dieser Mantel, welchen Aegisthus' Schwert gefärbt hat(Cho. 977). Bald lobt er sich selbst, bald bejammert er sich und beklagt vor dem Gewebe, in welchem Klytämnestra wie eine Spinne seinen Vater gefangen und getödtet hat, seine That und sein Leiden und sein ganzes Geschlecht, da dieses Sieges nicht beneidenswerthe Befleckung ihm anklebt. Was ist es, was ihn widerstandlos fort- reisst(Cho. 989)? Reue ist es nicht; denn so lange er noch bei Sinnen ist, stellt er es ganz ausdrücklich vor seinen Freunden fest, dass er nicht ohne Recht die Mutter umge- bracht, und dass ihm Loxias, der Pythische Seher, den Antrieb zu dem Wagnis durch sei- nen Orakelspruch gegeben habe(Cho. 994 ff), er weiss sich ausser Schuld(Cho. 998) und ruft, die Mordgeräthe der Mutter ausspannend, die Sonne als Zeugin gerecht vollstreckter Rache bei dem Gerichte auf, vor welchem er zu seiner Rechtfertigung erscheinen muss. (Cho. 950 ff). Das subjęctive Bewustsein ist es also nicht, was den Orest nicht bleiben lässt es spricht ihn vielmehr, wie der Spruch des pythischen Gottes, von aller Schuld frei; sondern, wie die Erinnyen selbst nicht als Phantasmata, sondern in leibhafter, greifbarer Wirklichkeit erscheinen, so ist, was sie darstellen, etwas ganz ausser dem sub- jectiven menschlichen Bewustsein, ja trotz demselben realiter existierendes, nämlich der Fluch der bösen That ganz objectiv genommen,*) das ewige, göttliche Urtheil, welches über den, der Menschenblut vergiesst, von Anbeginn ausgesprochen ist. Es ist ein Beweis von der geistigen und sittlichen Kraft des äschyleischen Zeitalters, dass das objectiv reale und ewig gültige auch ganz objectiv gefasst wird und in leibhaften Personen zur Erschei- nung kommt, so wie es im Gegentheil nur geistige Schwäche und Entnervung documen- tiert, wenn das nachäschyleische Zeitalter diese objectiven Gestalten der Erinnyen nicht mehr ertragen konnte, sondern sie in das subjective Bewustsein, in die eigenen malae cogitationes conscientiaeque auflöste.

Die hier gegebene Andeutung über das Wesen der Erinnyen und ihr Walten in der Orestessage stellt sich mit der hergebrachten Auflfassung in directen Gegensatz. Auch den Philologen nämlich, wie dem Zeus und den übrigen Olympiern, sind die Töchter der Nacht ein ⁶εέhĩmỹ ö-Syog, dem sie so wenig geneigt sind, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dass man kein Bedenken getragen hat, sie zu einem Rest des ursprünglichen Glau- bens der Griechen an willkürlich herrschende, grauenvolle göttliche Mächte, zu Uberbleib- seln eines finstern, angsterfüllten Götterdienstes frühester Zeiten zu machen und sie mit den Larven der Römer zu vergleichen. Aber ich kann mich nicht überzeugen, dass das griechische Volk jemals auf der Stufe des Schamanenthums gestanden, noch dass eine Ent- wickelung aus rohem, finsterm Naturdienst zur Verehrung geistiger Mächte als Trägersitt- licher Ideen stattgefunden habe. Es scheint zwar viel für sich zu haben, wenn man

*) Val. O. Müller, griech. Lit. Gesch. II, p. 103.