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Tochter durch die Verhärtung seines Sinnes und die Unterdrückung jedes Gefühls noch entsetzlicher machte, als sie an sich schon war, so verhält sich Orestes dagegen zu dem, was er thut, ganz objectiv. Denn als die Mutter ihn anfleht, die Brust zu ehren, an wel- cher er einst als Kind geschlummert und süsse Muttermilch mit den Lippen gesogen habe, da zögert er(IIrX, rb S9 Cho. 867) und wird erst durch die Erinnerung an den Willen des Gottes zur Vollstreckung der Rache vermocht. Die That selbst aber fasst er ganz bestimmt so auf, dass er sich frei von selbstischen Motiven weiss und nur als ein Werkzeug der Mora betrachtet(Cho. 878, 879, wo mit Nägelsbach de relig. p. 7 an Spott zu denken ganz unzulässig ist), daher er auch mit Recht sagen kann(Cho. 891): ⁵ το eαυατινν, ote /⁶, αmααασ vi³. Aber trotz alle dem, obwohl Orestes durch kein selbstisches und unlauteres Motiv zum Muttermord getrieben wird, sondern nur den Befehl des delphi- schen Gottes vollstreckt, und die Blutrache nicht vollziehen eine ebenso schwere Ver- letzung der Pietät gegen den Vater sein würde, als durch die Ausübung die Mutter in ih- ren heiligsten Rechten gekränkt wird, bleibt doch die That selbst, was sie ist, und ihre Furchtbarkeit wird durch die Rücksicht auf jene nicht unedlen Beweggründe auch nicht im geringsten gemildert. Vgl. Cho. 898: Ezaveg dv ob Toüy, eal r ᷣ[ αe e. Die That wird durch den ausdrücklichen Befehl der Götter keine sittliche, sie bleibt viel- mehr ein dνσιον. Das unmittelbare Bewustsein von dem ins Herz geschriebenen göttli- chen Gesetz erweist sich also mächtiger, als das Urtheil, welches vom Standpunkt des an- tiken Heidenthums aus über eine solche That gefällt werden muste. Wir werden im Folgenden sehen, wie der Ausspruch des ewigen, göttlichen Gesetzes über den Mord der Mutter in bestimmten Gestalten zur Erscheinung kommt und verkörpert wird. Es ist psychologisch vollkommen begründet, dass, so wie selbst unvorsätzlicher Todtschlag einen Stachel im Gewissen zuricklässt, so bei vorsätzlichem Handeln das Urtheil nach vollbrach- ter That ganz anders lautet, als vorher, und dass namentlich alle Vernunftgründe, welche vorher die That rechtfertigen sollten, nun nicht mehr Stich halten. Es ist dem Mörder mit einem mal, wie wenn ihm die Schuppen von den Augen gefallen wären, wie wenn er vor dem Thron des höchsten Richters gestanden und das Verwerfungsurtheil empfangen hätte: er kann nicht bleiben, er muss fort, um, wie Kain, unstät und flüchtig über die Erde getrieben zu werden. Was ist es, das ihn forttreibt?
Auch den Orestes bei Aeschylus ergreift die unsichtbare, aber unwiderstehliche Ge- walt sogleich nach Vollführung des Mordes so stark, dass er anfängt irre zu werden an seinem eigenen Thun. Aegisthus Mord tadelt er nicht; denn der hat, wie das Gesetz es will, die Strafe des Ehebrechers erlitten(Cho. 956); aber das vergossene Blut der Mutter, obgleich er es auf den Befehl des Gottes vergossen hat, lässt ihn nicht zur Ruhe gelangen, die Erde, die ihren Mund aufgethan hat, um es zu empfangen, schreit um Rache gegen ihn. Seine Gedanken, bisher so sicher, gerathen ins Schwanken:„hat sie es gethan“, fragt er zweifelnd sich selbst, oder hat sie es nicht gethan?“;„doch Zeuge ist mir ja“, setzt er


