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weniger aus der Reflexion, als vielmehr aus dem unmittelbaren Bewustsein heraus, und diess unmittelbare Bewustsein sagt ihm, dass es Handlungen gibt, welche durch kein, wenn auch noch so lauteres Motiv, durch keinen Drang der Umstände entschuldigt wer- den, oder nur das geringste von ihrer Furchtbarkeit verlieren. Es ist dies unverkennbar eine Ahnung von der Heiligkeit und Unbedingtheit der göttlichen Gebote, die ja auch den Heiden ins Herz geschrieben waren, So hat sich Agamemnon, wie der Chor sagt, dem Joch der Nothwendigkeit gebeugt, und ist doch nicht ohne Schuld, ja er hat eine Schuld auf sich geladen, für die er mit seinem Blute büssen muss; ja noch mehr: die Opferung der Jungfrau geschieht, weil die Götter sie fordern, und ist nichts desto weniger ein dAνα⁴ςσν. Man sieht, das unmittelbare Bewustsein, dass eine solche Handlung an und für sich und ganz unbedingt verwerflich sei, schlägt alle Reflexion darüber ohne weiteres zu Boden.-
Wie lösen wir aber dies Räthsel? wie kann von Schuld die Rede sein, wo jemand der Nothwendigkeit weicht? Es würde völlig verkehrt sein, wenn man in der Stellung solcher Fragen, wie sie hier in der Orestessage gestellt werden, an denen sich das Alter- thum auf die gewaltigste Weise zerarbeitet hat, nichts anderes sehen wollte, als ein müssiges Spiel der Speculation; wir dürfen vielmehr behaupten, dass die Wahrnehmung dessen, was der griechische Volksgeist in jener Sage ausgedrückt hat, sich demselben als unmittelbarer Eindruck der Beschaffenheit des Menschenlebens aufgedrängt hat, und dass eben deshalb auch eine Wahrheit darin wenigstens geahnt wird. Es ist in der That nicht ohne Grund, wenn Lasaulx in seiner Schrift über die Prometheussage p. 3 die Mythologie der heidnischen Völker als eine Traumprophezie bezeichnet, deren wahre Deutung erst in der Fülle der Zeiten von dem gegeben worden sei, der mehr war, als alle Propheten, oder wenn er an einem andern Orte(über die Sühnopfer der Griechen p. 3) die Behauptung aufstellt, es gebe kaum eine im Christenthum ausgesprochene Wahrheit, die nicht sub- stanziell auch in der vorchristlichen Welt gefunden würde. Ich möchte freilich diese letztere Behauptung keineswegs durchaus adoptieren, sondern sie lieber auf ihr gehöriges Maas beschränken, dass es nämlich kaum eine im Christenthum ausgesprochene Wahrheit gebe, nach welcher die vorchristliche Welt nicht gefragt, dass es kaum ein im Christen- thum gelöstes Problem gebe, welches das vorchristliche Alterthum nicht gestellt hätte. Und während die jetzige von der ihr gegebenen Wahrheit abgefallene Welt gar die Fähig- keit nicht mehr zu besitzen scheint, mit tieferem Blick in sich selbst und die mensch- lichen Dinge einzudringen, so war es den Griechen in hohem Maase eigen, so weit es ohne das Licht der Offenbarung möglich ist, das Menschenleben in seiner wahren Gestalt zu sehen, wodurch sie auch allein befähigt waren, die allerwichtigsten und schwierigsten Probleme ganz richtig zu stellen, auf die Beantwortung freilich verzichtend. So ist es nun auch mit dem, was die tiefsinnige Sage von der ersten Verschuldung des Atreus und von dem dadurch über das ganze Geschlecht hereingebrochenen Verderben erzählte.


