Aufsatz 
Das Verhältniß des Isokrates zur Sophistik / von Theodor Klett
Entstehung
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Tadel ſein könne, daß alle die Vorwürfe, die Iſokrates als Athener gegen die Lakedämonier erhoben habe, für dieſe ſelbſt ebenſoviele Lobſprüche bedeuten, kurz daß es Iſokrates fertig gebracht habe, dieſelben Leute in einem und demſelben Athem zu loben und zu tadeln, cfr. 12,248. ff. 261. Dem entſpricht es, daß der Lakedämonierfreund ausdrücklich den Gebrauch von X6oοᷣ mo‿‿ον, in den Fragen Ougscwc Av dπτιννν ε οαασραμαeeν für erlaubt erklärt 12,240., und daß er der Rede des Iſokrates als einen von vielen Vorzügen die Levdoloyleæ zuſchreibt 12,246.: da nun die Ein⸗ führung des Lakedämonierfreundes im Panathenaikus keinen andern Zweck haben kann, als den, zur Verhütung einſeitiger Auffaſſung einen Kommentar der Rede zu geben, und da demgemäß die kühnen und offenen Äußerungen desſelben von Iſokrates ſelbſt nirgends desavonirt werden, ſo haben wir um ſo mehr das Recht, dieſelben in letzter Linie dem Iſokrates ſelbſt zuzuſchreiben, als ſie ja mit dem, was vorher Iſokrates in ſeinem eigenen Namen geſagt hat, vollkommen übereinſtimmen. Der Einwand, daß der Panathenaikus, die ſo greiſenhafte Frucht der letzten Lebensjahre des Iſokrates, nicht als vollgiltige Quelle benützt werden dürfe, trifft nicht zu. Denn Anſchauungen, wie diejenigen, um welche es ſich hier handelt, wechſeln im hohen Alter am allerwenigſten, und nur die allerdings ungeſchickte, theils unverhüllt plumpe, theils ſchwerfällige und geheimnißvolle Art, in der ſie vorgebracht werden, iſt auf Rechnung des Alters zu ſetzen. In der That hat Iſokrates, nur in feinerer Weiſe, den Grundſatz, den er 12,172. ſo rund heraus ausſpricht, auch in ſeinen früheren Schriften bei Gelegenheit befolgt. Wenn man wegen des rein epideiktiſchen Charakters von Helena und Buſiris darauf keinen entſcheidenden Werth legen will, daß Iſokrates 11,33. ſo offen wie im Panathenaikus ſeine Gleich⸗ giltigkeit gegen die Wahrheit deſſen, was er vorbringt, eingeſteht und 10,60. einen Glauben ſimulirt, den er 11,41. ausdrücklich verurtheilt, ſo bleibt doch die Thatſache beſtehen, daß es ihm immerhin der Mühe werth erſchien, ſeine Überlegenheit auch in ſolchen Künſten des bloßen Scheins, in der Verherr⸗ lichung von Werthloſem, in der Vertheidigung von Gegenſtänden höchſt zweifelhaften Charakters, zu dokumentiren. Aber Iſokrates hat auch bei Gegenſtänden, an denen er ein ernſtes ſachliches Intereſſe nahm, kein Bedenken getragen, ſich ſelbſt zu widerſprechen. Schon die Art, wie er ſeine Feder der Empfehlung der Monarchie im Mund des Nikokles 3,12. 22.25. dienſtbar macht, ſtimmt ſchlecht zu ſeinen demokratiſchen Geſinnungen. Viel bezeichnender aber iſt die entgegengeſetzte Beurtheilung, die er den wichtigſten Thatſachen der griechiſchen Geſchichte angedeihen läßt, ganz abgeſehen davon, daß er ſich bei Benützung der Geſchichte für ſeine redneriſchen Zwecke im Einzelnen eine Reihe von Unge⸗ nauigkeiten und Unrichtigkeiten erlaubt. Um nur das Entſcheidende anzuführen, ſo verurtheilt er die atheniſche Hegemonie vor dem dekeleiſchen Krieg, die er 4,99. 109. um ihrer Gerechtigkeit willen preist, 8,37.79. auf's ſchärfſte wegen ihres ungerechten tyranniſchen Charakters; den antalkidiſchen Frieden, den er 4,115. 118. mit guten Gründen angreift, nennt er 8,16. den gerechteſten und Griechenland zuträglichſten Frieden; während er im Panegyrikus und ſpäter wieder im Philippus kein höheres, der Hellenen würdigeres Ziel einer nationalen Politik kennt als Krieg gegen Perſien, macht er es in der in die Zwiſchenzeit fallenden Rede über den Frieden den Lakedämoniern zum Vorwurf, daß ſie nach dem peloponneſiſchen Krieg den Perſerkönig bekämpft haben 8,98., und tadelt er die atheniſchen Expeditionen gegen Kypern und AÄgypten, deren Mißerfolg ein verdienter geweſen ſei 8,86. Solche Widerſprüche, deren ſich Iſokrates nothwendig bewußt ſein mußte, können nicht mehr aus der mit jedem ſpezifiſch populären Standpunkt verbundenen Unſicherheit und Unbeſtimmtheit, ſondern nur aus einer entſchiedenen Neigung, die Wahrheit, wenn nöthig, dem praktiſchen Erfolg zu opfern, erklärt werden, und dieſe Gleichgiltigkeit gegen die Wahrheit hatte er doch wohl von denen angenommen, denen nicht nur Plato und Ariſtoteles, ſondern auch er ſelbſt dieſelbe ausdrücklich vorwerfen.