Aufsatz 
Das Verhältniß des Isokrates zur Sophistik / von Theodor Klett
Entstehung
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religiöſen Pflichten in der von den Vätern überkommenen Weiſe zu erfüllen 7,30. Ausdrücklich zählt ſich Iſokrates zu denen, die an die alten mythologiſchen Überlieferungen glauben 12,149. f. Ebenſo ſtellt er ſich 4,31. auf den Standpunkt des naiven Glaubens an die Orakelſprüche, und 4,84. gibt er ſeinem Glauben an eine göttliche Vorſehung in der Geſchichte Ausdruck. Von den Myſterien ſpricht er in anerkennendem, achtungsvollem Ton 4,28., ohne daß ihm darum die Unſterblichkeit feſtſtünde 9,2. 14,61. 2,37. Dabei fehlen übrigens bei Iſokrates ſo wenig als bei der Geſamtheit ſeiner gebildeten Zeitgenoſſen Anſätze zur Kritik. Schon daß er mit Nachdruck die moraliſche Vollkommenheit der Götter betont 11,41., iſt eine Abweichung vom Glauben an die alte Überlieferung, worüber er ſich freilich keine nähere Rechenſchaft gegeben zu haben ſcheint, da er 10,60. die Ehebruchsgeſchichten aus dem Olymp in der unbefangenſten Weiſe verwerthet. Wichtiger übrigens iſt, bei dem einſeitig epideiktiſchen Charakter von Rede 10. und 11., daß er auch 3,26. eine ſehr ſkeptiſche Anſchauung über die Möglichkeit, von den Göttern etwas zu wiſſen, äußert, daß er 14,55. die Pflicht, die Verſtorbenen zu begraben, als eine Pflicht der Überlebenden gegen ſich ſelbſt und nicht gegen die Todten bezeichnet, daß er 12,186. angeſichts der mancherlei Inkongruenzen zwiſchen Verdienſt und Schickſal nicht umhin kann, eine Aε᷑sæ der Götter in manchen Fällen zuzugeben. Es iſt ganz der Standpunkt der populären Bildung, die mit den Zweifeln an der überkommenen Religion bekannt geworden weder ſich dieſe Zweifel zurecht⸗ zulegen weiß noch ſich zu dem Riſiko, die Religion aufzugeben, entſchließen mag und deßhalb, den Unterſchied zwiſchen Religioſität und äußerer Form der überkommenen Religion zwar ahnend, aber nicht erkennend, von Fall zu Fall höchſt äußerliche Kompromiſſe zwiſchen den verſchiedenen Strömungen abſchließt.

Nehmen wir noch hinzu, daß Iſokrates ein eifriger laudator temporis acti iſt, 4,75. 81., daß er, ohne auf das Spezifiſche der verſchiedenen Staatsformen einzugehen, der gemäßigten Demokratie das Wort redet und alle Ausſchreitungen und Übertreibungen in der Politik verurtheilt 2,16. 4,39.105. 8,95., dabei aber bemüht iſt, den verſchiedenſten politiſchen Richtungen und Syſtemen gerecht zu werden 3,12. 22.25. 10,36. f., 2,15.16., ſo können wir zuſammenfaſſend ſagen: Iſokrates ſtellt ſich in allen Fragen von allgemeinem Intereſſe auf den Standpunkt der populären Durchſchnittsanſchauung und nimmt an deren Schwankungen und Widerſprüchen Theil, ohne ſich derſelben bewußt zu werden, oder doch ohne ſich darüber Rechenſchaft zu geben.

Dieſes Ergebniß ſcheint nun zunächſt eine tiefere Einwirkung auf Iſokrates ſeitens derjenigen Richtung, die Plato und Ariſtoteles Sophiſtik nennen, auszuſchließen. Denn die Widerſprüche und Schwankungen, die wir im Bisherigen bei Iſokrates gefunden haben, ſind im Weſentlichen mit ſeinem populären Utilitaritätsſtandpunkt nothwendig verbunden. Freilich daß er in derſelben Rede ſich über die Frage vom Unrechtthun und Unrechtleiden in entgegengeſetztem Sinn äußert, dürfte in jenem Standpunkt allein nicht mehr ſeine genügende Erklärung finden. Denn ſo wenig die populäre Anſchauungs⸗ und Ausdrucksweiſe eine Freundin klarer, präciſer Begriffe iſt, ſo wenig liebt ſie doch andrerſeits einen offenen Widerſpruch. Einen ſolchen erlaubt ſich aber nicht nur Iſokrates in den angeführten Stellen von 12., er beanſprucht auch an einer Stelle derſelben Rede 12,172. es als ſelbſtverſtändliches Recht des Redners, von dem er hiemit Gebrauch mache, ſich ſelbſt zu widerſprechen und, wie es ſein jeweiliger Zweck verlange, bei verſchiedenen Gelegenheiten ſich über denſelben Gegen⸗ ſtand in entgegengeſetztem Sinn zu äußern. In der That macht er von dieſem vermeintlichen Recht im ganzen Panathenaikus den ausgiebigſten Gebrauch; läuft doch die Einführung des Lakedämonier⸗ freundes und das, was dieſen Iſokrates ſagen läßt, um ſeine Anklagen gegen Sparta zu rechtfertigen, eben darauf hinaus, daß dasſelbe, je nach dem Standpunkt, den man einnimmt, ein Lob und ein