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Standpunkt ein. Ihm iſt auf allen jenen Gebieten die Tradition eine gegebene, ſelbſtverſtändliche Macht, über deren Berechtigung er ſich nicht erſt lange Rechenſchaft geben zu müſſen glaubt, ebenſo wie er die Wörter oder Begriffe, in denen dieſe Tradition ſich bewegt, ſeinerſeits benützt, ohne erſt ihre Bedeutung zu zergliedern, efr. 15,84. Daß jedermann wiſſe, was unter den verſchiedenen Tugenden, unter Recht und Unrecht, zu verſtehen ſei, und daß darüber gar kein Zweifel ſein könne, das ſteht ihm ſo feſt, daß er 8,136.— 140. die Quinteſſenz ſeiner politiſchen Rathſchläge dahin zuſammenfaßt, Athen müſſe eben für das Recht und Unrecht einſtehen, dann werde ſich jedermann um die Freundſchaft der zugleich gerechteſten und mächtigſten Stadt bemühen; daß in den verwickelten politiſchen Verhält⸗ niſſen des damaligen Griechenlands unmöglich einfach auf ein Schuldig oder Unſchuldig den einzelnen Staaten gegenüber erkannt werden könne, das kommt ihm in der Freude über ſeinen für alle Fälle gleichpaſſenden Rath nicht in den Sinn. Und weil er überzeugt iſt, daß Verdienſt und Schickſal ſich decken, daß es dem Guten gut, dem Schlechten ſchlecht gehen muß, efr. 2,26. 3,47.50.53. 6,59. 8,17.26. 15,282., und daß dieſes Geſetz in dem Leben der Staaten noch viel ſicherer zutrifft als in dem der einzelnen Menſchen 8,120., ſo trägt er auch kein Bedenken, den Lakedämoniern und den Athenern Verzicht auf die Machtſtellung, die ſie thatſächlich, aber mit zweifelhaftem Recht innehaben, anzuempfehlen, 4,18.129.130. 8,23. 138. f., in der zuverſichtlichen Hoffnung, daß es nur dieſes Hinweiſes auf Recht und Unrecht bedürfe, um ſie für ſeine Vorſchläge zu gewinnen. Freilich reicht er mit dieſem Optimismus ſeiner ſittlichen Weltanſchauung nicht aus; denn die Erfahrung lehrt, daß jene Kongruenz von Schickſal und Verdienſt ſehr viele Ausnahmen erfährt 8,35. 12,86. Iſokrates hilft ſich zunächſt damit, daß er jene Kongruenz wenigſtens als die Regel bezeichnet, der nachzuleben doch jedenfalls ſicherer ſei als ſich auf die Ausnahmen zu verlaſſen 8,35. Er weist ferner auf den unglücklichen Seelenzuſtand der Ungerechten und Frevler hin 3,58. Und dem entſpricht es, daß, wo es ſich um die Wahl zwiſchen Ehre und Nutzen, Recht und Vortheil handelt, er ſich im Allgemeinen für die erſtere Alternative entſcheidet 4,53.95. 6,91. 8,93. Aber es iſt wohl zu beachten: alle Stellen, an denen er den moraliſchen Standpunkt vertritt in dem Sinn, daß Recht und Nutzen, Ehre und Vortheil zuſammenfallen oder, wo das ja nicht der Fall iſt, der letztere zurückſtehen müſſe, ſind derart, daß dieſer Standpunkt zugleich dem konkreten Zweck der betreffenden Rede dient. Wo aber jener Standpunkt in unlösbarem Widerſpruch ſteht mit dem, was der Redner gerade bezweckt, da wird die Moral von dem Redner dem Zweck der Rede zum Opfer gebracht. Das geht klar hervor aus 12,117. f., wo ſich Iſokrates, um die atheniſche Politik zu vertheidigen, über diejenigen ſogenannten Philoſophen luſtig macht, die ſagen, man müſſe lieber Unrecht leiden als Unrecht thun. Wenn er in der gleichen Rede 185. wieder den Grundſatz geltend macht:„beſſer Niederlagen im Kampf für das Rechte als Siege im Kampf um ungerechte Vortheile,“ ſo iſt das durchaus nicht, wie ſchon geſchehen, als eine Rückkehr des Iſokrates zu ſeinem wahren, für einen Augenblick vergeſſenen Standpunkt, ſondern ſehr einfach daraus zu erklären, daß an der zweiten Stelle es ſich um die Lakedämonier handelt, die in dieſer Rede Athen gegenüber nicht tief genug heruntergeſetzt werden können. Der vorliegende Widerſpruch beſtätigt alſo vielmehr nur ſeinerſeits, daß in letzter Linie Iſokrates in dem, was er ſagt, ſich durch die Rückſicht auf den vorausſichtlichen äußeren Erfolg beſtimmen läßt, was auch nicht wohl anders ſein kann, wenn ſeine Moral ihre Begründung in dem Nutzen findet, den ſie ſtiftet.
Ganz ähnlich verhält es ſich mit der Stellung des Iſokrates zur Religion: ihre Berechtigung hat die Religion darin, daß ſie den Menſchen nützt, ſie einerſeits mit Hilfe des Zoc moraliſch und ſocial kultivirt 11,25. und ihnen andrerſeits den Segen und die Gnade der Götter erwirbt 2,20. 6,59. 15,282. Alſo kann ſie nicht genug empfohlen werden, und zwar iſt das Einfachſte und Sicherſte, die
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