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falsche Zeugnisse das Volk beschwatzten, das von ihnen irregeleitet nichts anderes glaubte, that und wusste, als was sie von diesen gehört hatten. Dieses Zeugnis scheint mir dadurch von be- sonderm Interesse zu sein, als man daraus ersieht, welchen Einfluss auf die Stimmung des Volks die Geistlichen ausüben. Sollte es aber in diesen Landen anders zugegangen sein, als in den Gegenden, wo die Anhänger Rudolfs dominierten? Werden nicht daselbst die abscheulichsten und unglaublichsten Dinge über Heinrich verbreitet worden sein, wie wir das(man lese nur die Schilderung des Charakters Heinrichs bei Bruno im Anfang seiner Erzählung) von Sachsen be- stimmt wissen? Aber nur dann halten Berthold und seine Gesinnungsgenossen den Einfluss der Geistlichkeit für verderblich, wenn er zu Gunsten Heinrichs ausgeübt wird.
Heinrich IV. hatte unterdessen die Verhältnisse in der Lombardei geordnet und war bald nach Ostern mit seiner Gemahlin und dem Patriarchen Sieghard von Aquileja aufgebrochen, um durch Kärnthen nach Baiern zu gelangen. Seinen Sohn liess er in Italien in der Obhut des Erzbischofs von Mailand. In Regensburg wurde er von dem Volke mit Jubel begrüsst, und hier hielt er alsbald mit den Fürsten Baierns und Böhmens eine Beratung. Seine Anhänger sammelten sich um ihn, so dass er in kurzer Zeit ein Heer von 12000 Mann bei sich hatte. Kärnthen hatte er an den Eppensteiner Liutold gegeben, und er fand an ihm eine gute und zu- verlässige Stütze gegen die Zähringer; ebenso hielt treu und standhaft der Böhmenherzog Wratislaw zu ihm; fast ganz Baiern hing ihm an; ebenso, wie wir schon vorhin gesehen haben, ganz Burgund; sodann ein nicht geringer Teil von Schwaben, namentlich der eiaflussreiche Bischof von Augsburg, ferner die Bischöfe von Basel und Strassburg mit ihrem Anhange den Rhein entlang; endlich eine grosse Anzahl der Franken. Besonders aber waren die Bürger in den um diese Zeit mächtig aufblühenden Städten begeisterte Anhänger Heinrichs. Rudolf da- gegen sah sich bald von den meisten seiner bisherigen Anhänger verlassen; selbst der rheinische Pfalzgraf Hermann, den er sich zum Schwiegersohn ausersehen hatte, und viele andere alte An- hänger und sogar Verwandte traten zu Heinrich über. Als daher dieser mit seinem Heere von Osttranken und den Maingegenden aus einen Einfall nach Schwaben machte, um Rudolf zum entscheidenden Kampfe zu zwingen: musste derselbe das Land verlassen und sich nach Sachsen begeben, da sein entmutigtes Heer sich auf einen Kampf nicht einlassen wollte. Es begleiteten ihn dorthin der Kardinaldiakon Bernhard*) und die drei vertriebenen Bischöfe von Würzburg, Worms und Passau. Seine Gemahlin hatte er in Burgund zurückgelassen, wo sie viel unter den ungünstigen Verhältnissen zu leiden hatte, bis sie der Tod im Anfang des Jahres 1079 von aller Sorge und Trübsal befreite. Der Sohn Rudolfs, Berthold, blieb bei den Herzögen Welf und Berthold, welche sich nur mit Mühe und unter vielen Verlusten gegen Heinrich in Schwaben behaupteten. In Baiern hielt sich ausser Gebhard von Salzburg nur noch der Graf Ekbert von Formbach.
Unter solchen Verhältnissen hielt Heinrich, welcher seinen Marsch über Esslingen bis Ulm fortgesetzt hatte, hier eine glänzende Versammlung ab und sass zu Gericht über Rudolf samt den Herzögen Welf und Berthold und den übrigen Anhängern desselben. Er verurteilte sie nach schwäbischem Recht zum Tode und erklärte sie ihrer Würden und Lehen verlustig. Diese benutzte er zum Teil sogleich zur Belohnung von altbewährten oder zur Gewinnung von neuen Anhängern; doch behielt er die herzoglichen Würden von Schwaben und Baiern noch in
*) Der andere päpstliche Legat, Bernhard von Massilia, blieb in Süddeutschland und wurde später, als er sich nach Rom begeben wollte, vom Grafen Udalrich von Lenzburg gefangen genommen und ½ Jahr lang in Gewahrsam gehalten, bis Heinrich auf Bitten des Abtes Hugo von Cluny seine Freilassung bewirkte.


