DAS
ROMISCHE MAINZ.
von
Dr. Karl EKlein.
I.
1. Die Gründung unserer Stadt, wie aller Orte am Rhein, verliert sich in die Zeiten, aus welchen wir über Deutschland, sowie über die Mitte und den Norden Europas, so viel wie Nichts wissen.¹) Nicht einmal können wir mit Gewissheit angeben, welches Volk oder welcher Volksstamm zuerst die Gegenden des mittleren Rheins besetzt hat, oder wann dies geschehen ist. Die Einwanderung nach Deutschland scheint von der untern Donau ihren Anfang genommen zu haben; von dort aus verbreitete man sich über die angrenzenden Länder, wie Norditalien, Deutschland, Frank- reich u. s. w. Dies geschah ohne Zweifel nicht wenige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung.
Als die Griechen und Römer diese Länder kennen lernten, nannten sie deren Einwohner Kelten oder rechneten sie dem keltischen Stamme zu. Als aber später die Römer an den Rhein kamen, meinten sie, dass in Gallien und Germanien(Frankreich und Deutschland) zwei verschie- dene Völker wohnten, dort Kelten, hier Germanen; der Rhein etwa sei die Grenze, wiewohl sie gerade die Anwohner des linken Rheinufers nicht zum keltischen Stamme rechneten.
Und nun fragt es sich, wie sich damals die Kelten zu den Germanen verhielten. In Sitten und Gewohnheiten waren sie, als die Römer sie kennen lernten, verschieden— wahrscheinlich auch in Sprache.— Aber wenn auch die Verschiedenheit der Germanen und Kelten in Sprache und Sitten noch so gross war, sie waren früher, d. h. bei ihrer Einwanderung in Deutschland und Frankreich, ein Volk, und nur Zeit und Ort hat die Verschiedenheit hervorgebracht).
So wie nämlich tausend Jahre später die Franken, welche aus Deutschland in Gallien einwan- derten, mit den romanisirten Kelten oder Galliern sich also vermischten, dass ihr deutscher Charakter nach und nach verschwand und man nach einigen Jahrhunderten nicht meinte, dass diese Franken, nun Franzosen genannt, jemals mit den alten Deutschen verwandt gewesen seien: ebenso haben die Kelten, welche von der obern Donau oder aus Deutschland in Gallien einwanderten, hier mit
1) Die Mährchen, welche alte Chroniken erzühlen, dass Maguntiacum, wie früher geschrieben wurde, von Magog, einem Sohne Japhet's, von den Magiern der Perser oder von Trier aus durch Trebeta und Nequam, Zeitgenossen des Ninus u. s. w. erbaut sei, werden hier ganz übergangen. Sie finden sich in neuerer Zeit bei Haupt, Unsere Vorzeit(1828), I. Bd.
2) Dies habe ich 1851 im Philologus, V. S. 107, etwas weiter dargethan.


