Aufsatz 
Über die Legionen, welche in Obergermanien standen / K. Klein
Entstehung
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Wie viele Legionen damals am Rheine standen, weiss man nicht. Augustus mochte, wenn auch. nicht im Jahr 28, als er die Verhältnisse Galliens ordnete, doch wohl seit 16, wo die Kriege mit den Germanen am rechten Ufer des Unterrheins begannen, ein grösseres Heer für nothwendig erachten, besonders da diesen rheinischen Legionen zugleich die Pflicht auflag, auch die Ruhe in Gallien, in dessen Inneren nur wenig Garnison stand, aufrecht zu erhalten; ob aber jetzt schon acht Legionen am Rheine aufgestellt waren, bleibt zweifelhaft, wenigstens ist uns hiervon keine nähere Nachricht zugekommen.

Auch werden uns von den Legionen, die in dieser frühen Zeit in den beiden Germanien standen, weder die Zahlen noch die Beinamen näher angegeben. Die älteste Legion, die am Rheine erwähnt wird, ist die Legio V(Macedonica), welche im Jahre 16 vor unserer Zeitrechnung ihren Adler gegen die Deutschen verlor; sie lag in Untergermanien, vielleicht in Vetera(Xanten). Dagegen weiss man wiederum nicht, welche Legionen oder wie viele an den nun folgenden Feldzügen und Kriegen des Drusus und seiner Nachfolger im eigentlichen Germanien Theil nahmen. Nicht einmal die drei Le- gionen, welche mit Varus in der Teutoburger Schlacht(9 nach Christus) umkamen, werden uns namentlich genannt ³). Seit dieser Niederlage aber kann man acht Legionen als die Garnison des Rheins mit Gewissheit anneh'nen), wiewonl wir dies erst fünf Jahre später, als Tacitus uns die Empörung am Rheine erzählt, erfahren; hier werden uns auch die Zahlen derselben genau angegeben. Von dieser Zeit an ist es möglich die Legionen am Rheine zu verfolgen, so wie überhaupt eine Geschichte der römischen Legionen erst, seit Augustus auf den Rath des Maecenas stehende Heere einführte, aufgestellt werden kann. Jedoch gibt es eine einigermassen genaue Geschichte der römischen Legionen noch nicht; auch kann eine solche erst dann befriedigend aufgestellt werden, wenn die Ge-

³) Man nimmt wie es scheint mit Recht an, dass die Legio XVII, XVIII und XIX hier untergingen; nur einer, der Leg. XIX gedenkt Tacitus ann. I. 60, als deren damals verlornen Adler Germanicus 6 Jahre später wiederfand; auch die Adler der zwei anderen Legionen wurden nach und nach wieder gewonnen(der eine von Germanicus im folgenden Jahre 1. c. II., 2, 25, der andere durch P. Gabinius im J. 41, Cass. Dio LX. S); aber die Zahlen dieser Legionen werden nicht beigefügt; dass die XIIX den Kampf mitmachte, sehen wir aus dem Grabstein des in dem Krieg gefallenen Manius Caelius(bei Xanten gefunden, jetzt im Bonner Museum, Lersch Centralmus. II. 1). Dass die XVII dabei gewesen, beruht auf blosser Conjektur neuerer Gelehrten, ist aber höchst wahrscheinlich. Diese drei Legionen sind nicht wieder restituirt worden, kommen also weiter nirgends mehr vor; und wo auf Inschriften die eine oder die andere erwähnt wurde, hat spätere Untersuchung gezeigt, dass die Lesart falsch ist, vgl. Grotef. in Seebode Krit. Bibl. 1828, S. 46. Hier bei Mainz hat sich bisher nur von der Leg. XVIII ein Backstein, wie Fuchs II. S. 99 erzählt, gefunden; dort ist aber XXII p. zu lesen, wie aus der Abbildung sich ergibt(nicht aber XV PRIMIG., wie Steiner II. Ausg. 409 vorschlägt). Pfitzner hat zwar Alterthz. 1846, S. 5 zu zeigen versucht, dass ausser der XIX die I und V in der Varianischen Schlacht gewesen; allein seine Ansicat ist noch weniger wahrscheinlich, vgl. Grotef. in Bonn. Jahrb. XI. S. 80. 3

) Vor der Teutoburger Schlacht scheinen dem Augustus fünf bis sechs Legionen hingereicht zu haben, drei(XVII, XVIII, XIX) für Untergermanien, und zwei bis drei für Obergermanien; zwei von den letzteren führte Asprenas auf die Nachricht von jenem Unglücke schnell den Rhein hinab, wodurch allein Viele ge- rettet wurden(Vellej. II. 120), was eben den Beweis gibt, dass sonst keine Truppen am Unterrhein lagen. Die Legionen des Oberrheins kennen wir nicht näher, die XIIII gemina können wir als gewiss annehmen, und je nachdem wir drei oder zwei festsetzen, die XIII gemina und XVI. Andere nehmen 8 Legionen bereits schon früher an, wofür sie den Umstand anführen, dass die Leg. V, welche schon 16 vor Christus am Nie- derrhein stand, auch 14 p. Chr. daselbst erwähnt wird. Diese scheint aber damals nicht in Germania, son- dern vielleicht irgend wo in Gallien beschäftigt gewesen zu sein.