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dass er das Gedicht verändert habe. Die Allegorie gehe jetzt ganz durch mit nur veränderter Ansicht(indem in Vv. 54 ff. die Wahrheit den Gürtel der Schönheit nimmt, in Vv. 433 ff. dagegen die Schönheit ihrem Zögling als Wahrheit entgegentritt). Weiter eröffnet er dem Freunde, dass am Ziele die Kunst sich dem Menschen in verklärter Ge- stalt zu erkennen gebe. Enthielten diese Mittheilungen keine Neuerungen, so wären sie überflüssig. Auch Vv. 66— 79 können unmöglich mit Vv. 54— 65 verbunden gewesen sein. Vielmehr stehen sie in der innigsten Sinnes- verwandtschaft mit 14— 33. Da wird nämlich die Kunst mit einer Amme verglichen. Diese findet eine Waise, nimmt sie in ihre Arme(vgl. 26— 27), unterweist sie und wehrt alles Befleckende von ihr ab. In Vv. 66—77 wird die Menschliche in Gegensatz zu allen Himmlischen gebracht. Somit verstehe ich unter der„Menschlichen“ nicht die Göttin der Alle- gorie, sondern vielmehr die Kunst, wie sie in den Vv. 14 ff. als Amme dargestellt ist; besonders werde ich dazu bewogen durch V. 33, auf den V. 71 gleichsam mit dem Finger hinweist. Die Kunst ist es auch, welche dem Verbannten Elysium auf seine Kerkerwand malt. Damit stimmt V. 78 überein, wo wieder von der Amme die Rede ist. Die ursprüngliche Allegorie war also auf Vv. 54— 65 beschränkt. Und so kann man nun mit Recht behaupten, dass auch sie nur ein einge- streuter Lieblingsgedanke des Dichters war. Wenn auch in der einen Figur der Allegorie der Hauptgedanke von A, die Erziehung durch die Kunst, verkörpert ist, so führt uns die zweite Figur über das ursprüng- lich gesteckte Ziel, die sittliche und wissenschaftliche Bildung, weit in überirdische Regionen hinauf. Wie wir aus jenem Briefe erfahren, ward erst in der 2. Fassung A mit C durch B so verknüpft und die Gestalt des Ganzen so geformt, dass die zwei Theile der Allegorie, Vv. 54 ff. und Vv. 433 ff., die Brennpunkte des Gedichtes wurden.
Wir gelangen nun zur Besprechung der Schichte B. Aus dem hier schon öfter erwähnten Brief Schillers an Körner(v. 9. Februar 1789) geht hervor, dass auf Anregung Wielands Vv. 383— 432 in der 2. Fassung hinzugedichtet wurden.„Nun folgt aber ein ganz neues Glied, wozu mir eine Unterredung mit Wieland Anlass gegeben hatte und welches dem Ganzen eine schöne Rundung gibt. Wieland nämlich empfand es sehr unhold, dass die Kunst pach dieser bisherigen Vorstellung doch nur die Dienerin einer höheren Cultur sei; dass also der Herbst immer weiter gerückt sei als der Lenz— und er ist sehr weit von dieser Demuth entfernt. Alles, was wissenschaftliche Cultur in sich begreift, stellt er tief unter die Kunst und behauptet vielmehr, dass jene dieser diene. Wenn ein wissenschaftliches Ganze über ein Ganzes der Kunst sich er- hebe, so sei es nur in dem Falle, wenn es selbst ein Kunstwerk werde. Es ist sehr vieles an dieser Vorstellung wahr. Zugleich schien diese Idee schon in meinem Gedichte unentwickelt zu liegen und nur der


