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mit Hilfe der„Cypria“, der„Schönheit“ oder der auf die Kunst ange- wendeten„Geisterliebe“ des Julius strebt die Menschheit jenem großen Ziele entgegen.
An jenem philosophischen System hieng Schillers Herz noch, als sein Geist im Körner'schen Kreise bereits neue Anschauungen gewonnen hatte. Aus dem Briefe Schillers an Körner v. 15. April 1788, welcher die Antwort auf den letzten Brief Raphaels enthält, geht deutlich her- vor, dass jene philosophische Weltanschauung noch in der Zeit, da die „Künstler“ entstanden, ein Lieblingsgegenstand des Dichters war. In den Gedichten der Anthologie auf das Jahr 1782 und in anderen Gedichten, in denen Liebe, Freude, Freundschaft und Sympathie verherrlicht werden, finden wir viele Gedanken des Julius wieder. Unter diesen Gedichten sind besonders zu nennen die Laura-Oden,„Der Triumph der Liebe“,„Die Freundschaft“,„An die Freude“. Wenn man in den„Künstlern“ von der Geisterwürde(V. 18), vom Geisterleben(89), von der Geisterwelt(101), von der Geisterliebe(200), vom Unbekannten(214), von dem prangenden, dem heitern Geist(329— 334), vom Urbild alles Schönen(218) und im Verse 215 von der schönen Seele der Natur(d. i. Harmonie) liest, so glaubt man Klänge aus jenen Gedichten zu hören. Vv. 448— 449 ist vom Oceane der großen Harmonie, V. 473 von der hohen Einigkeit die Rede. In der Theo- sophie des Julius finden sich nicht nur dieselben Gedanken, sondern auch dieselben Worte. Auch da fließen alle Geister in eine Harmonie zusammen, alle Bäche hören in einem Ocean auf; an einem anderen Orte wird die große Harmonie die„hohe idealische Einheit“ genannt. Der Vergleich mit den Regenbogenstrahlen ist Vv. 474 ff. in einem ähnlichen Sinne angewandt wie in der Theosophie..
Wie gern Schiller Anschauungen des Julius in seine Poesien ein- flocht, ersehen wir aus den oben erwähnten Gedichten, besonders aus den Laura-Oden. Dass er seinen Lieblingsgedanken auch in seine prosaischen Abhandlungen gern aufnahm, wenn es die Verwandtschaft mit dem In- halte nur halbwegs gestattete, das beweisen am besten die beiden Auf- sätze:„Uber das gegenwärtige deutsche Theater“(1782) und die bereits erwähnte Vorlesung zu Maunheim(1784). In dem ersteren Aufsatze lesen wir:„Wir Menschen stehen vor dem Universum wie die Ameise vor einem großen majestätischen Palaste. Es ist ein ungeheures Gebäude;
unser Insectenblick verweilet auf diesem Flügel und findet vielleicht diese
Säulen, diese Statuen übel angebracht; das Auge eines besseren Wesens umfasst auch den gegenüberstehenden Flügel und nimmt dort Statuen und Säulen gewahr, die ihren Kameradinnen hier symmetrisch entspre- chen. Aber der Dichter male für Ameisenaugen und bringe auch die andere Hälfte in unsern Gesichtskreis verkleinert herüber ¹); er bereite
¹) Eine ganz ähnliche Anforderung stellt Mendelssohn an den Künstler. Vgl.„Haupt- grundsätze der schönen Künste und Wissenschaften“ bei Brasch, II. Bd., S. 151.


