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Welt bei Mendelssohn steht der harmonisch gebauten bei Schiller gegen- über. Allerdings ist auch bei diesem die Harmonie eine solche, dass sinnliche Wesen diesem Ziele ihres Strebens nur langsam und mühevoll näher kommen. Die Leiter aber, auf der die Menschen zur Erfassung dieser großen Harmonie, der Gottähnlichkeit, emporklimmen, ist nach Schiller die Liebe ¹). Diese ist die Lust und Freude an allem, was wir außerhalb unser als gut, als vortrefflich, als reizend erkennen. Dieses Vortreffliche nehmen wir in dem Augenblick, da wir es wahrnehmen, in uns auf und besitzen es somit ebenfalls 2). Wenn wir z. B. eine Hand- lung der Großmuth bewundern, regt sich auch in unserm Herzen ein geheimes Bewusstsein, dass wir fähig wären, ein gleiches zu thun. Da wir nun die Schönheit, Vortrefflichkeit und Glückseligkeit, die wir außer- halb unser bewundern, auch in uns hervorbringen, so wünschen wir die Glückseligkeit ³) anderer, weil wir unsere eigene begehren. Das ist Liebe, Freundschaft, Sympathie, Freude. Durch das Betrachten des Schönen und Vortrefflichen entsteht die Liebe der Geisterwelt, welche uns zur Quelle aller Vollkommenheit, zur Gottheit, führt 4). Daher heißt es im „Triumph der Liebe“:
„Weisheit mit dem Sonnenblick,
Große Göttin, tritt zurück,
Weiche vor der Liebe.“
Und am Ende der„Götter Griechenlands“(aus dem J. 178]) lesen wir: .. oder nimm von mir, Nimm die ernste, strenge Göttin wieder, Die den Spiegel blendend vor mir hält; Ihre sanftre Schwester sende nieder, Spare jene für die andre Welt.“ ⁵)
In den„Künstlern- V. 424 hat das Wort„Liebe“ dieselbe phi- losophische Bedeutung.
Nach Betrachtung und Vergleichung der Schiller'schen und Men- delssohn'schen Weltanschauung ist es klar, dass die Gedanken der Alle- gorie im philosophischen Systeme des Julius wurzeln, während die Namen der Mendelssohn’schen Philosophie entnommen sind.„Urania“, die„Wahr- heit“, entspricht dem lichtvollen Durchschauen der großen Weltharmonie;
¹) Ahnlich Mendelssohn:„Rhapsodie über die Empfindungen“, bei Brasch, II. Bd. S. 122— 123.
²) Ganz ähnlich Mendelssohn in der Rhapsodie über die Empfindungen s. Brasch, II. Bd. S. 123.
³) Glückseligkeit ist auch eine Vollkommenheit. Vgl. Minor, I. Bd., S. 239.
⁴) Uber die Quellen der Philosophie Schillers s. Minor, I. Bd., S. 207 ff.— Zur Sache vgl. Mendelssohn:„Phädon“, bei Brasch, I. Bd., S. 193 und 229.
⁵) Die letzte Strophe und die beiden vorangehenden Strophen wurden später durch eine andere ersetzt.


