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in der Erkenntnis des vernünftigen Zusammenhanges der Dinge be- steht. Sie gewährt nicht Einheit in der Mannigfaltigkeit, sondern inein- ander begründete Vorstellungen. Ganz komme die Vollkommenheit und das Anschauen derselben nur der Gottheit zu. Die Schönheit der körper- lichen Bildung des Menschen gehe nicht weiter als unsere Sinne reichen. Unter der Haut aber liegen grässliche Gestalten verborgen; kein Eben- maß, keine sinnlichen Verhältnisse, nirgend Einheit, lauter Beschäftigung, überall Ursache und Wirkung. Die Erkenntnis des scheinbaren Durch- einander ist Vollkommenheit.
Schiller hatte sich schon als Akademiker eine in Leibnitz' Lehre von der besten. Welt wurzelnde philosophische Weltanschauung gebildet, welche in den„Philosophischen Briefen des Julius an Raphael“ niederge- legt ist. Diese Philosophie weicht von der Mendelssohn'schen einigermaßen ab. In einem jener Briefe, in der„Theosophie des Julius“ nämlich ver- gleicht Schiller den Schöpfer mit einem Künstler und den Bau der Welt mit einem Kunstwerke ¹). Das Universum sei ein Gedanke Gottes. Nach- dem dieses ideale Geistesbild in die Wirklichkeit hinübergetreten sei und die geborene Welt den Riss ihres Schöpfers erfüllt habe, so sei der Beruf aller denkenden Wesen, in diesem vorhandenen Ganzen die erste Zeichnung wiederzufinden, die Regel in der Maschine, die Einheit in der Zusammen- setzung.„Harmonie, Wahrheit, Ordnung, Schönheit, Vortreff- lichkeit geben dem Menschen Freude, weil sie ihn in den thätigen Zu- stand ihres Erfinders, ihres Besitzers versetzen und seine Verwandt- schaft mit diesem Wesen ihn ahnen lassen.“ Schiller schreibt also diesem großen Kunstwerke Ordnung, Harmonie und Schönheit zu, also doch wohl auch Einheit in der Mannigfaltigkeit, eine Eigenschaft, die wir auch auf den„Riss“ übertragen dürfen. Dadurch eben unterscheidet sich die Schiller'sche Anschauung von der Mendelssohn’'schen. An einer an- deren Stelle dieses Briefes lesen wir: Alle Vollkommenheiten im Uni- versum sind vereinigt in Gott. Gott und die Natur sind zwei GrößBen, die sich vollkommen gleich sind. Die ganze Summe von harmonischer Thätigkeit, die in der göttlichen Substanz beisammen existiert, ist in der Natur, dem Abbilde dieser Substanz, zu unzähligen Graden und Maßen vereinigt. Wie sich im prismatischen Glase ein weißer Lichtstreif in sieben dunklere Strahlen spaltet, hat sich das göttliche Ich in zahllose empfindende Substanzen gebrochen. Gefiele es der Allmacht dereinst, dieses Prisma zu zerschlagen, so stürzte der Damm zwischen ihr und der Welt ein, alle Geister würden in einem unendlichen Geiste untergehen, alle Accorde in einer Harmonie in einander fließen, alle Bäche in einem Ocean aufhören. Also eine rein vernunftgemäße Zusammensetzung der
¹) Vgl. auch den letzten Brief Raphaels an Julius; hernach: Schiller an Körner, Weimar, den 15. April 1788; ebenso:„Die Künstler“ V. 335.


