Aufsatz 
Die Grundzüge in dem Schiller'schen Gedichte "Die Künstler"
Entstehung
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wickeln. Die Triebe sollen nicht ausgerottet werden, sondern die Grund- lage zur Fortentwickelung des Geistes bilden. Die Sinnlichkeit wird die erste Leiter zur Vollkommenheit genannt¹). Zwischen der hier ent- wickelten Geschichte des Individuums und der des Menschengeschlechtes in denKünstlern ist eine gewisse Verwandtschaft nicht zu verkennen.

Wir wenden uns nun zur Betrachtung derAllegorie. Ich be- merkte schon oben, dass in dem angeführten Briefe Schillers(v. 9. Februar 1789) als Ziel der Erziehung des Menschen wissenschaftliche und sittliche Bildung angegeben ist. Wie nun in der ursprünglichen Fassung die Allegorie mit der Schichte A verbunden war, lässt sich nicht mehr er- kennen. Die Göttin, welche über Sternen wandelt und nur von reineren Dämonen angeschaut werden kann, wird dem auf einer hohen Stufe der Cultur stehenden Menschen entgegengehen? Was soll der Name Urania? Liest man den 5. Brief Mendelssohns über die Empfindungen, so lüftet sich der Schleier. Da wird der Unterschied zwischenSchönheit und Vollkommenheit angegeben. Der Verfasser spricht von derhimmlischen vortrefflichsten Vollkommenheit und von der sinnlichen Nachahmerin, der Schönheit,die sich bis zur Schwachheit des Irdischen herunterlassen mag. Man müsse sich hüten, jenehimmlische Venus mit der irdischen, mit der Schönheit zu verwechseln. Die Göttin Urania in den Künstlern ist nichts anderes als jene himmliche Venus(d. i. Vollkommen- heit) im Gegensatz zur sinnlichen Schönheit. Schiller gebraucht aber anstattUrania auch den Namen Wahrheit und in den Vv. 449 und 473 ist die Rede von dem Ocean der großen Harmonie und von der hohen Einig- keit, der die Menschheit als ihrem letzten Ziele zustrebt, so dass man also dieWahrheit derHarmonie gleichsetzen möchte. Um aber be- züglich dieser Namen und ihrer Bedeutung ins reine zu kommen, müssen wir vorerst erfahren, was sich Mendelssohn und Schiller unter jener Vollkommenheit und Schönheit vorgestellt haben.

Die gefällige äußere Verknüpfung des Mannigfaltigen in der Form zur Einheit und Gleichheit, so dass das Ganze leicht in die Sinne fällt, das sei, wie Mendelssohn sagt, ein Kennzeichen schöner Gegenstände. Der Entwurf eines Gebäudes sei schön, wenn die ebenmäßige Anordnung in den Abtheilungen und ihre Abwechslung leicht zu übersehen sind. Ein allzusehr durcheinander geschlungener Tanz missfalle, weil wir die verschiedenen Züge und Linien nicht ohne Mühe auseinander wickeln können. Das Vergnügen an der Einheit in der Mannigfaltigkeit, also an der Schönheit, sei nur unserem Unvermögen zuzuschreiben. Der wahre Endzweck der Schöpfung aber sei die himmlische Vollkommenheit, die

¹) S. J. Minor a. a. O. I., 275 ff., wo die Schriften angegeben sind, die sich vor Schillers Dissertation mit diesem Gegenstande befassten. Vgl. auch Mendelssohn im 12. Briefe über die Empfindungen.