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(vgl. Vv. 22— 25 in den„Künstlern“), wo die Vorsehung ihre Räthsel auf- löst, ihre Knoten vor seinen Augen entwickelt und wo die Wahrheit unbe- stechlich wie Rhadamanthys Gericht hält“(vgl. Vv. 220— 236). Die drama- tische Kunst schöpft ihre Lehren und Muster aus der Weisheit und Religion und„die strenge Pflicht kleidet sie in ein reizendes, lockendes Gewand (vgl. Vv. 82— 85, 320— 328), sie schwellt unsere Seele mit herrlichen Empfin- dungen, Entschlüssen und Leidenschaften und stellt uns göttliche Ideale zur Nacheiferung auf“(vgl. Vv. 216— 217, 171— 173). Mit besonderer Liebe hebt Schiller den Eindruck hervor, welchen Franz v. Sickingen auf den Zuschauer macht in der Scene, wo er auszieht, für die Rechte seines Freundes zu kämpfen. Er sieht sich um und bemerkt, dass seine Veste, wo seine Familie verweilt, in Flammen steht, zieht aber doch weiter, um das gegebene Wort nicht zu brechen ¹).„Wie groß wird mir da der Mensch, wie klein und verächtlich das gefürchtete Schicksal.“ Vgl. Vv. 86— 87.
Alle Ansichten, welche Schiller in diesem Aufsatz über den Wert der Schaubühne ausspricht, sind nicht erst von ihm ausgegangen, sondern sie waren Gemeingut der Gebildeten. Verschiedene Dichter und Schrift- steller innerhalb und außerhalb Deurschlands, wie Home, Du Bos, Sulzer, Lessing, Goeze, Dusch u a. ²) hatten einzelne Anschauungen über diesen Gegenstand schon früher veröffentlicht. So setzt auch Mendelssohn in seinen„Morgenstunden“(VII) zwischen das Erkennen und Begehren das„Billigungsvermögen, das Wohlgefallen der Seele, welches noch eigentlich von Begierde weit entfernt ist.“ Es sei ein besonderes Merkmal des Schönen, dass es mit ruhigem Wohlgefallen betrachtet wird, wenn wir es auch nicht besitzen und von dem Verlangen, es zu besitzen, auch noch so weit entfernt sind. Wer erinnert sich dabei nicht der Vv. 174— 178 unseres Gedichtes und der betreffenden Stellen in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen? Übrigens lassen sich in dem gei- stigen Entwickelungsgange Schillers die Gedanken von der Vermittelung zwichen beiden Naturen zurückverfolgen bis in das Jahr 1780. In seiner damals herausgegebenen Magisterdissertation:„Versuch über den Zu- sammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ sucht Schiller die unterdrückte sinnliche Natur zu vertheidigen. Er weist die Wechselwirkung zwischen beiden Theilen nach und zeigt, wie thie- rische Empfindungen geistige entwickeln. Im 10. Paragraphen dieses Aufsatzes wird an der Hand der Geschichte des Individuums gezeigt, wie sich aus thierischen Trieben geistige Handlungen und Ideen ent-
¹) Aus einem uns nicht bekannten Schauspiel eines Mannheimers.
²) S. J. Minor:„Schiller, sein Leben und seine Werke“, II. Bd. S. 286 ff.— UÜber den Nutzen der schönen Künste für die Sittenlehre vgl. Mendelssohn:„Rhapsodie der Empfindungen“ II., 139 in der Ausgabe der Mendelssohn'schen Schriften von Dr. Moriz Brasch.


