Aufsatz 
Die Grundzüge in dem Schiller'schen Gedichte "Die Künstler"
Entstehung
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Vorlesung lautet:Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? Bis ins einzelne kann man die Ubereinstimmung der prosaischen und der dichterischen Darstellung verfolgen. Gleich zu Anfang jener Abhandlung bietet sich uns ein wichtiger Punkt zur Vergleichung dar. Schiller sagt, die Gesetzgeber des Staates sollten sich der Schaubühne als einer Erziehungsanstalt bedienen und durch diese das Volk zu ver- edeln suchen. Denn der Mensch, dessen Thätigkeit getheilt ist zwischen thierischen Verrichtungen und feineren Arbeiten des Verstandes, ver- mag weder in dem einen noch in dem anderen Zustande andauernd zu verharren. Da aber Unthätigkeit seiner Natur zuwider ist, so verlange ereinen mittleren Zustand, der beide widersprechende Enden vereinigt, die harte Spannung zu sanfter Harmonie herabstimmt und den wechsel- seitigen UÜbergang eines Zustandes in den andern erleichtert. Diesen Nutzen leistet überhaupt nur der ästhetische Sinn oder das Gefühl für das Schöne. Auch in unserem Gedichte waren ursprünglich diesem Ge- danken mehrere Strophen gewidmet. In dem Briefe an Körner vom 12. Jänner 1789 sagt Schiller, er habe nach der zweiten Strophe zwei ganze Blätter ausgestrichen. Die fehlenden Strophen enthielten den Ge- danken,dass die Kunst zwischen der Sinnlichkeit und Geistigkeit des Menschen das Bindungsglied ausmache und den gewaltigen Hang des Menschen zu seinem Planeten contraponderiere; dass sie die Sinnenwelt durch geistige Täuschung veredle und den Geist rückwärts zur Sinnen- welt einlade. Unter jene weggelassene Strophen dürften auch die in den Briefen an den Herzog von Schleswig-Holstein-Augustenburg angeführten Verszeilen gehören:

Wenn Sinnes Lust und Sinnes Schmerz

Vereinigt um des Menschen Herz

Den tausendfachen Knoten schlingen

Und zu dem Staub ihn niederziehn,

Wer ist sein Schutz? Wer rettet ihn?

Die Künste, die an goldnen Ringen

Ihn aufwärts zu der Freiheit ziehn

Und durch den Reiz veredelter Gestalten

Ihr zwischen Erd und Himmel schwebend halten.

Auch in der uns vorliegenden Fassung derKünstler erinnern einzelne Verse an die weggefallenen Strophen. Vgl. Vv. 20 21, 88 90, 174 178 ff., 197 200. Verfolgen wir aber den Aufsatz über die Schau- bühne weiter! Durch das ganze Schriftstück hindurch gehen die Beweise, dass die Schaubühne sich um die sittliche Bildung und um die Aufklä- rung des Verstandes große Verdienste erwirbt. Religion und Gesetze werden durch die Schaubühne unterstützt,wo alles Anschauung und lebendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Thorheit und Weisheit in tausend Gemälden fasslich und wahr an dem Menschen vorübergehen