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bildet die Hauptidee, der alles andere dient; das Ziel, dem alle an- deren Gedanken zueilen. Venus Urania, die Göttin der himmlischen Wahrheit, deren Strahlen nur reinere Geister ertragen, legt ihre Feuer- krone ab, nimmt den Gürtel der Schönheit und tritt so als Venus Cypria mit gemildertem Glanze dem Menschen entgegen, um seine Erziehung zu übernehmen. Nachdem aber dieser die höchste Höhe seiner geistigen Vervollkommnung erklommen hat, nimmt die Göttin wieder ihr früheres Aussehen an und steht, umleuchtet von dem Feuer der himmlischen Wahrheit, vor ihrem Zögling als Venus Urania(Vv. 54— 65, 429— 442).
Wollen wir nun die Bedeutung dieser Schichten und ihre Be- ziehungen unter einander genauer prüfen, so müssen wir den Brief Schillers an Körner v. 9. Februar 1789 zur Beleuchtung heranziehen. Nach diesem Briefe muss die ursprüngliche Fassung des Gedichtes von der uns vorliegenden verschieden gewesen sein. Der Dichter theilt nämlich seinem Freunde mit, dass er nun die Hauptidee, die Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit in die Schönheit zur herrschenden und im eigentlichen Verstande zur Einheit gemacht habe.„Es ist eine Allegorie, die ganz hindurchgeht.“ Daraus geht hervor, dass die Allegorie in der ersten Fassung nicht die leitende und herrschende Idee war, und dass sie nicht die Einheit des Gedichtes gebildet hat. Damit stimmt eine andere Mittheilung in diesem Briefe überein. Wieland nämlich habe es sehr unhold empfunden, dass die Kunst nach der bisherigen Vorstellung nur die Dienerin einer höheren Cultur sei. Diese Worte scheinen anzu- deuten, dass ursprünglich die Schichte A die Hauptsache war. Dass C mit A ursprünglich nicht so verquickt war, wie jetat, lässt sich auch aus anderen Anzeichen schließen. In A sehen wir, wie„Wissen“,„Erkennt- nis“ und„Verstand“ einerseits und„Sittlichkeit“ und„Tugend“ anderer- seits aus der Pflege der Kunst hervorblühen, in der Allegorie aber ist nur von der„Wahrheit“ die Rede. Es kommt nun, wie ich glaube, darauf an, ob sich der sinnbildliche Ausdruck und der bezeichnete Gegenstand, ob sich die„Wahrheit“ der Allegorie und die wissenschaftliche und sittliche Bildung genau decken. Aus Vv. 64— 65(„einst“,„hier“) und aus Vv. 429— 432 ist zu entnehmen, dass der Mensch die„Wahrheit“ der Allegorie erst am reifen Ziel der Zeiten, am Ausgange des jüngsten Menschenalters erreichen wird. Auch der Name Urania deutet darauf hin.
Fassen wir die Schichte A nochmals ins Auge! Ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, dass dieser ursprüngliche Hauptbestandtheil des Gedichtes ¹) nichts anderes war als die dichterische Bearbeitung der Gedanken, die Schiller im J. 1784 in einer Sitzung der„Kurpfälzischen Deutschen Gesellschaft“ zu Mannheim vortrug. Die UÜberschrift dieser
11) Aus dem Briefe Körners an Schiller v. 30. Jänner 1789 wissen wir, dass auch die Vv. 363— 382 und 443 ff. schon der ersten Fassung angehörten.


