Aufsatz 
Die Grundzüge in dem Schiller'schen Gedichte "Die Künstler"
Entstehung
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Vgl. auch V. 320 ff. Nach und nach wich nun die thierische Roheit, der Mensch lernte denken und edel empfinden(Vv. 179 209). Die Kunst führte ihrem Zögling selbst die Gottheit im Bilde vor. Sie lehrte ihn an eine sittliche Weltregierung glauben, und der Mörder zog sich selbst das Los des Todes aus dem Schauspiele, wenn er auch nicht befürchten musste, vom Arme der menschlichen Gerechtigkeit erreicht zu werden. Durch die Dichtkunst ward der Mensch auch mit dem Walten der Vor- sehung bekannt gemacht und der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele in ihm geweckt(Vv. 210 253). Also wissenschaftliche und sittliche Bildung sind nach dieser Darstellung die großen Erfolge, welche die Kunst durch ihre Erziehung erzielt hat, ganz entsprechend den Lehren der Wolfischen Schule, die eben auch das Wahre und Gute als Zweck, das Schöne als Mittel ansah. Der Kürze halber bezeichne ich die eben angeführte Gedankenreihe mit 4A.

Lesen wir nun Vv. 266 432, so lernen wir Früchte anderer Art kennen, die durch dieselbe Erziehung gezeitigt werden. Die Kunst bringt es nämlich zuwege, dass ihr Zögling schließlich überall nur das holde Ebenmaß sucht und findet. In allem, was ihn umgibt, in allen Wechsel- fällen des Lebens, ob es nun freudige oder traurige Eindrücke sind, überall zeigt sich ihm jetzt Gleichmaß und Ordnung.

Sein Geist zerrinnt im Harmonienmeere, Das seine Sinne wollustreich umfließt,

Und der hinschmelzende Gedanke schließt Sich still an die allgegenwärtige Cythere.

Es kann ihn somit nichts mehr aus der Fassung bringen, nicht einmal das herannahende Geschick des Todes(Vv. 288315). Wissen- schaftliche und sittliche Bildung sind also nicht mehr der Zweck jener Erziehung; in Schönheit wird sich schließlich alles auflösen(V. 391 396). Die Wissenschaft wird ihre Lehren nur mehr in der Form von Kunstwerken offenbaren, Wissenschaft und Schönheit werden im letzten Zeitalter einander durchdringen, bis am Ziele der Zeiten alles in über- sinnliche Wahrheit übergehen wird(Vv. 397 432). Wenn die Kunst in 4 wie eine»Amme den Menschen lehrt, dass es einen Gott gibt, dass eine Vorsehung über ihm waltet, dass Sittengesetze die Welt regieren, dass die Seele unsterblich ist, wenn sie also den Gehalt ihrer Werke, das Wahre und Gute, als Endzweck betrachtet, so wirkt sie in diesem Theile(B) durch ihre schönen Formen. Aus den Reden, aus den Hand- lungen, aus dem ganzen Benehmen des Menschen ist nun alles Lücken- hafte, Unvollständige, Unpassende und Unordentlliche verbannt; die schönen Formen der Kunst haben auch sein Leben schön und harmo- nisch gestaltet.

Und nun kommen wir zur dritten Schichte des Gedichtes(O). Es ist dies eine Allegorie, die sich durch das Ganze hindurchzieht; diese