Die Grundzüge in dem Schiller'schen Gedichte „Die Künstler“.
Wer einen klaren Einblick in dieses Gedicht erhalten will, dem dürfte die bloße Erläuterung einzelner Stellen nicht genügen; er wird vielmehr ganze Gedankenreihen verfolgen, Verschiedenes trennen und Verwandtes verbinden müssen. Allerdings ist dieses Verfahren im vor- liegenden Falle schwierig; denn wenige Gedichte dürften vom eigenen Verfasser so oft umgeändert und verbessert worden sein als„die Künstler“. Sagt doch Schiller selbst in den Briefen an Körner, wie oft ganze Strophen weggelassen, wie oft neue hinzugedichtet, wie die einzelnen Theile besser geordnet, hernach aber wieder durcheinander geworfen wurden. Also be- stimmen zu wollen, ob diese oder jene Strophe einer älteren oder jüngeren Fassung angehöõre, wäre vergebliche Mühe. Dennoch kann man bei näherem Betrachten merken, wie sich einzelne größere Schichten von ein- ander abheben. Lesen wir also etwa die erste Hälfte des Gedichtes durch!
Schon im Kindesalter der Menschheit ward der Mensch durch die Kunst für das geistige Leben vorbereitet, durch das Betrachten der Kunst- werke wurden die rohen Begierden nach und nach von seinem Busen
abgewehrt, spielend lernte er da seine Pflichten errathen(V. 18 ff.). Auch
in das Gebiet des Wissens drang er durch Vermittelung der Kunst ein; denn bei dem Anschauen eines Kunstwerkes ist nicht nur das Gemüth, sondern auch der Verstand thätig(V. 34 ff.). Was die Vernunft des Gesetzgebers und der Verstand des Denkers in Bezug auf Bildung des Herzens und des Geistes erst im Verlaufe von Jahrtausenden erfanden, das ward durch die Gebilde der Kunst schon frühzeitig der Menschheit beigebracht(V. 42 ff.). Und wie leicht ließ sich der Zögling von seiner Erzieherin leiten!
„Das Herz, das sie an sanften Banden lenket,
Verschmäht der Pflichten knechtisches Geleit;
Ihr Lichtpfad, schöner nur geschlungen, senket
Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit.“(V. 82 ff.)


