Aufsatz 
Über die Behandlung der Himmelskunde am Gymnasium / von Joseph Klau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Wenn nun auch die Spektralwissenschaft auf ihrem heutigen Standpunkte noch nicht alle an sie herantretenden Fragen der Astrophysik zu beantworten vermag, so ist dies wohl begreiflich, wenn man bedenkt, daſs dieselbe erst auf eine sehr kurze Zeit des Bestehens zurückblickt. Rüstig schreitet sie aber auf dem betretenen Wege vorwärts und hat bereits die photographische Kunst in ihren Dienst genommen, wodurch ihre Resultate sich fortgesetzt mehren. Ist der Schüler erst mit dem bereits Vorhandenen einigermalsen vertraut, so wird das Interesse an diesem hochinteressanten Zweige menschlicher Forschung so leicht nicht wieder erlöschen. Er wird den weiteren Fortschritten mit Aufmerksamkeit folgen und in der Lage sein, Mitteilungen über neue Resultate auf diesem Gebiete zu verstehen und in ihrer Tragweite für die Gesamtwissenschaft zu würdigen. Was kann es aber Erhebenderes für den jugendlichen Geist geben, als einen bescheidenen Einblick zu thun in das Riesenwerk der Weltschöpfung? Wie muls der Mensch zur Demut gezwungen werden, wenn er erkennt, dals das, was er bis dahin für den Inbegriff der Gröſse gehalten, die Mutter Erde, eine so unendlich winzige Rolle spielt in der gewaltigen Gotteswelt! Auf der anderen Seite wird der Gedanke, dals der kleine Mensch auf der kleinen Erde imstande war, durch ungeheuren Fleils und die vor keinem Mifserfolg zurückschreckende Ausdauer so hoch zu steigen, in der Erkenntnis, den jungen Mann anspornen, durch Anstrengung und gewissenhafte Arbeit auch seinen Geist dem allgemeinen Fortschritte dienstbar zu machen.

Auf eine Gefahr möchte ich hier am Schlusse noch hinweisen. Der Schüler darf durchaus nicht die Ansicht mit aus der Schule nehmen, als habe er die Tiefen der astronomischen Wissenschaft durchmessen. Er ist stets darauf hinzuweisen, daſs er nur mit den allerwichtigsten Resultaten dieser Disciplin, soweit er dieselben zu verstehen vermag, bekannt gemacht wurde. Man zeige ihm an einem Beispiel, etwa der Berechnung einer Planetenbahn oder der Mondbewegung, welche bedeutenden Vorkenntnisse dem Astronomen von Fach zu Gebote stehen müssen, und wie mühselig auch das scheinbar einfachste Resultat erarbeitet werden muſs. Der Schüler wird dadurch vor jenem unangenehmen Dilettantentum bewahrt, welches glaubt, eine Wissenschaft vollständig zu beherrschen, wenn es mit einigen in die Augen springenden Haupt- ergebnissen derselben bekannt ist. Wird diese Klippe vermieden und behält der eine oder der andere die Beschäftigung mit der Himmelskunde in seinen Muſsestunden bei, so hat er davon nicht nur eine hohe eigene Befriedigung, sondern er kann sogar in diesem Gebiete mehr als in einem anderen Nützliches für die Wissenschaft selbst leisten. Littrow redet in seinem trefflichen WerkeDie Wunder des Himmels¹¹) einem derartigen astronomischen Dilettantentum das Wort:Die Bestrebungen der Dilettanten sind der grofsen Mehrzahl nach rieselnden Gewässern zu vergleichen, die, nicht beachtet und sich selbst überlassen, im Sande verrinnnen, ja Schaden bringen und das Land versumpfen, gesammelt und geregelt, den berechtigten Strömen an Nutzen um nichts nachstehen. Ja er behauptet sogar:Das dankbare Feld der Entdeckungen ist das eigentliche Gebiet des Dilettantismus. Der Astronom von Profession soll nur, wenn er besondere Gründe dazu hat, sich aufs Entdecken im engsten Sinne des Wortes verlegen, denn es sind ihm Helfer und Mittel zur Verfügung gestellt, die ihm schwierigere Aufgaben zuweisen. Er ermuntert alle Liebhaber der Wissenschaft dazu, selbst den Himmel, wenn auch mit bescheidenen Hülfsmitteln zu beobachten und verheilst ihnen bei genügender stetiger Ausdauer und Sorgfalt einen Erfolg, der für die Wissenschaft nutzbringend sein wird. Auch kommt man diesen Bestrebungen in neuster Zeit durch gute populäre Fachzeitschriften(Himmel und Erde, Kosmos) entgegen, durch welche der mit den nötigen Vor- kenntnissen ausgerüstete Laie über die neusten Fortschritte auf dem Gebiete der Himmelskunde in gemein- faſslicher und doch wissenschaftlicher Weise belehrt wird. Er erfährt zugleich hierin vielfach Anregung und Anleitung zu eigenen Beobachtungen und hat Gelegenheit, seine etwaigen Entdeckungen der Prüfung

¹) Nach den neusten Fortschritten der Wissenschaft bearbeitet von Dr. Ed. Weils, Direktor der Stern- warte und Professor der Astronomie an der k. u. k. Universität zu Wien. Berlin 1888. 3