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II. Die zu behandelnde Materie.
1. Die scheinbare Bewegung.
Die astronomische Wissenschaft mufs für jeden einzelnen genau ebenso beginnen, wie für die Menschheit überhaupt, nämlich mit der Beobachtung der Himmelserscheinungen ¹). Wie wenig unsere, besonders die in den Städten grofsgezogene, Jugend gesehen hat, ist erstaunlich. Fragt man einen Primaner: wo geht im Winter, wo im Sommer die Sonne auf? zu welcher Tageszeit erscheint der Mond im ersten Viertel, wann als Vollmond oder letztes Viertel am Himmel? welche Sternbilder sehen wir immer? welche nur zeitweise? so wird sich aus den Antworten der Beweis für meine Behauptung sofort ergeben. Aber auch derjenige Schüler, welcher an einem für die Darstellung der wahren Bewegung noch so vollkommenen Apparat die Bewegung der Himmelskörper kennen gelernt hat, wird die Fragen nicht beantworten und die ihm vorgeführten Thatsachen gar nicht oder nur sehr schwer erklären können. Stellen wir uns also zunächst auf den Standpunkt des Ptolemäus. Denken wir uns die Erde als ruhende Kugel in der Mitte der Schöpfung, diese selbst als konzentrisches, bewegtes Gewölbe, an welchem die Sterne befestigt sind. Suchen wir uns dann zunächst an dieser Himmelskugel zu orientieren. Das Himmels- gewölbe ist, wie zu verschiedenen Stunden desselben Tages(resp. der Nacht) angestellte Beobachtungen zeigen, in einer drehenden Bewegung begriffen. Seine Drehungsachse ist die verlängerte Verbindungslinie von Nord- und Südpol der Erde. Die Fixsterne scheinen an dasselbe fest angeheftet, so dals sie ihre Stellung zu einander stets beibehalten. Aus den Gruppierungen derselben hat die Phantasie Gestalten, geformt und ihnen bestimmte Namen gegeben(Sternbilder). Die bekanntesten und wichtigsten Stern- bilder, ihre Gestalt und die Art und Weise, wie man sie am Himmel aufsucht, zeige man an Karten, Himmelsgloben oder sonstigen Modellen und veranlasse den Schüler dieselben selbst am Himmel auf- zusuchen und ihre Stellung zu verschiedenen Zeiten zu beobachten. Die Begriffe des Horizonts, wobei genau zwischen scheinbarem und astronomischem Horizont zu unterscheiden ist, sowie von Zenith und Nadir werden festgestellt. Hieraus ergiebt sich die Übertragung der geographischen Orientierungslinien Xquator, Parallelkreis, Wendekreis etc. von der Erde auf die Himmelskugel. Die Ortsbestimmung erfolgt nun am Himmel nach demselben Prinzip, wie auf der Erde, nämlich durch einen festen, gröſsten Kreis und einen hierauf angenommenen festen Punkt nach den Systemen des Horizonts, des Xquators und der Ekliptik. Was man unter oberer und unterer Kulmination eines Sternes versteht, läfst sich nun nach dem System des Horizonts bestimmen. Versetzen wir den Schüler in Gedanken an verschiedene Punkte der Srdoberfläche, so wird er selbst die Himmelsansicht für diesen Ort ohne groſse Schwierigkeit finden können. Insbesondere lasse man ihn sich vorstellen, welches Bild der auf dem Pole oder auf dem Xquator Stehende haben würde. Nach den vorhergegangenen Definitionen von Zenith und Horizont hat ein Beobachter am Nordpol den Himmelspol beständig im Zenith, während sein Horizont durch die Aquatorebene gebildet wird; also bewegen sich alle Sterne der nördlichen Himmelshalbkugel in gleichbleibender Höhe parallel zum Horizont in Kreisen(parallele Sphäre), wührend die Sterne der südlichen Halbkugel für ihn stets unsichtbar bleiben.
¹) Diesterweg:„Beginn mit der unmittelbaren Anschauung, nicht mit Modellen und Zeichnungen, Anknüpfung alles Ubrigen an die Anschauung. Erst Kenntnis und Verständnis des Nächsten, dann des Entfernteren! Zuerst unmittelbare sinnliche Auffassung und bewufste Beobachtung, dann Bethätigung der Einbildungskraft und Phantasie, zuletzt Denken mit dem Verstand oder Begreifen“. Und an einer anderen Stelle sagt Diesterweg:„Mit Recht betrachtet man die Erscheinungen zuerst aus dem natürlichen, gegebenen Standpunkte des Menschen, aus seinem Standpunkte auf der Erdoberfläche, nachher aus dem Erdmittelpunkte, dem geocentrischen Standpunkte; hierauf von der Sonne aus, aus dem heliocentrischen Standpunkte, zuletzt wieder von der Erde aus.


