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Den Einwand, der Gymnasialabiturient sei durch die genossene Bildung so weit gereift, daſs er in späterer Zeit für sich allein imstande sei die bis dahin noch fehlenden Kenntnisse in diesem Fache mit Leichtigkeit nachzuholen, widerlegt am besten die Erfahrung. Wie viele aus dem Gymnasium hervor- gegangene Männer giebt es, die sich auch nur über die einfachsten Vorgänge am Himmel Rechenschaft zu geben vermögen? Die Vorkenntnisse waren ja doch vorhanden; der Drang nach dieser Erkenntnis fehlt bei den meisten auch nicht. Man sehe nur, wie begeistert sie lauschen, wenn ihnen in einem populären Vortrag von einem Fachmann ein Licht über die eine oder andere Sache aufgesteckt wird; man beobachte ihre Freude, wenn ihnen der eine oder andere Vorgang am Himmel, den sie bis jetzt beständig sahen, ohne ihn zu begreifen, nun plötzlich klar geworden ist. Warum also vervollständigen jene Männer ihr Wissen in diesem Gebiete nicht? warum verfolgen sie selbst eine oben geschilderte Anregung nicht weiter? Pragt sie selbst, so wird Euch zur Antwort werden: Ich weiſs kein Buch, welches meinen Be- dürfnissen entspräche; das eine ist zu mathematisch, das andere zu flach, das dritte zu kurz, das vierte zu lang; auch kann ich aus den Zeichnungen nicht recht klug werden; ich bekomme keine richtige Anschauung von den wahren Vorgängen und kann sie mit den Erscheinungen nicht in Einklang bringen: „Das hätte man auf der Schule lernen müssen“ heifst bei 99 Prozent der Schluſsrefrain.
Wenn nun Diesterweg die Himmelskunde als für jeden Menschen notwendig hinstellt, so ist dabei noch zu bedenken, daſs er zu einer Zeit lebte¹), wo diese Wissenschaft bei weitem noch nicht jenen Riesenaufschwung genommen hatte, der unseren Tagen vorbehalten war. Nur die Kenntnis des kopernikanischen Systems mit den Newton'schen und Kepler'schen Gesetzen bildete damals das vom Himmel Bekannte. Die letzten 50 Jahre haben uns aber in der Erkenntnis des gewaltigen Schöpfungs- werkes durch die Spektralanalyse und die Verwendung der Photographie weiter gebracht, als ebensoviele Jahrhunderte vorher. Keine Zeitschrift oder Zeitung, und sei es das kleinste Winkelblättchen eines Land- städtchens, übergeht die gewaltigen Errungenschaften der Neuzeit in diesem Gebiete mit Stillschweigen. Fast wöchentlich können wir die Berichte über neue Entdeckungen durch das Teleskop oder Spektroskop lesen, aber wie wenige der Leser sind imstande, das Gelesene voll zu verstehen und zu würdigen. Die Gesellschaft Urania in Berlin hat es durch ihre grolfsartigen Anlagen dem Laien ermöglicht, selbst einen Blick in das Wunderwerk des Himmels direkt oder in vortrefflichen Bildern zu thun. Wie ganz anders wäre der Erfolg dieses schönen Unternehmens, wenn der Gebildete auf ihre Sternwarte und in das astrono- mische Theater die nötigen Vorkenntnisse mitbrächte. Bald würde jede gröſsere Stadt mit einem ähnlichen Institute folgen müssen, wenn mit dem Wissen zugleich das Interesse an diesem hochwichtigen Gegen- stande gleichmässig geweckt und gefördet wäre.
Zwei Dinge, sagt einer unserer gröfsten Denker, Kant, sind es, die das Gemüt immer mit neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen, je öfter und je anhaltender sich der Geist mit ihnen beschäftigt:„Der gestirnte Himmel über mir und das ethische Gesetz in mir“.
Dieselbe Wirkung übt die Himmelskunde auf jedes empfängliche Gemüt aus. Unsere Schüler für alles Hohe und Erhabene zu begeistern, ihnen die Fähigkeit zu geben, die Vorgänge, welche sich täglich vor ihren Augen abspielen, zu begreifen und sie in stand zu setzen, mitzuschreiten auf den gewaltigen Bahnen, die der menschliche Geist in neuerer Zeit wandert, ist doch wohl eine Hauptaufgabe jeder höheren Schule. Deshalb gehört die Himmelskunde auch notwendig in den Lehrplan der Gymnasien.
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¹) Geb. 1790, gest. 1866.


