Aufsatz 
Über die Behandlung der Himmelskunde am Gymnasium / von Joseph Klau
Entstehung
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1) Warum sollen wir das bei knapp bemessener Stundenzahl schon überreich ausgestattete Lehr- pensum des naturwissenschaftlichen Unterrichts noch weiter ausdehnen?

2) Wie läſst sich ein so grofses und vielseitiges Wissen voraussetzendes Gebiet mit den Vor- kenntnissen eines Primaners bewältigen?

3) Wann kann dieses Pensum in den physikalischen Unterricht eingeschoben werden, ohne diesen selbst in schädlicher Weise zu beeinträchtigen oder dem Gegenstand nur eine unwissenschaftliche und oberflächliche Behandlung zu gestatten?

Die Beantwortung dieser Fragen ist der Zweck der vorliegenden Arbeit.

I. Gründe für die Erweiterung des Unterrichtsstoffes.

Die Astronomie erweitert des Menschen Blick und erhebt ihn über engherzige, lokale Auffassungen und Ansichten........ Sie ist das vorzüglichste Mittel, sich zu groſsartiger Weltanschauung zu erheben. Das Handeln des Mannes wird freier, wenndas Haus sich dehnt, und die Winzigkeit der Ansichten verschwindet, wenn die Räume wachsen. Um bei sich recht daheim zu sein, muſs man ein Weltbürger werden, und um das Erdenleben zu fassen, muſs man in die Himmelsräume hineinschreiten und sie umfassen. Ich wülste auch kein anderes Wissen zu nennen, das den Menschen in gleichem Grade erhebt und beruhigt. Wahrlich in der Unruhe und dem Streite der Gegenwart fühlt der aus diesen Konflikten heraus zu ihr hintretende Mensch recht innig und tief ihre besänftigende, veredelnde Kraft. In ihr herrscht keine Feindschaft und kein Hafs. Sie entwurzelt diese herzanfressenden Dämonen. In. aller Wahrheit ist sie eine erhabene, weil erhebende Wissenschaft. Wie kann es auch anders sein, da ihre Gesetze und Regeln nicht auf Menschenmachwerk, sondern auf den Baumeister der Welt zurückweisen! Darum sollte sie keinem, auch nicht einem Menschen vorenthalten werden.

So spricht sich einer unserer bedeutendsten Pädagogen, Diesterweg, in seinerpopulären Himmels- kunde über den Wert dieser Wissenschaft aus ¹). Dafs er aber bei den letzten Worten nicht daran denkt, der Mensch solle sich in seinem späteren Leben, etwa in seinen Muſsestunden gelegentlich mit den Hauptlehren der Astronomie bekannt machen, geht aus einer anderen Stelle des genannten Buches hervor, wo es heilst:Kein Schüler sollte aus der Schule entlassen werden, ohne Anschauung und Kenntnis des Himmels und seiner Wunder gewonnen zu haben. Dabei hat Diesterweg nicht etwa die Schüler der nöheren Schulen im Auge, sondern sein Buch ist in erster Linie für die Lehrer der Volksschulen bestimmt, und unter den Schülern sind Elementarschüler zu verstehen.

Wenn es nun nach Diesterwegs vortrefflichem Werke²) möglich erscheint, selbst dem 14-jährigen Elementarschüler die wichtigsten Vorgänge am Himmel verständlich zu machen, so darf man wohl mit gröſserem Recht von den höheren Schulen fordern, daſs sie ihre Schüler mit den Hauptlehren der Himmels- kunde bekannt machen.

¹) Grefsler: Als Lehrgegenstand für die Jugend übertrifft die Sternkunde jede andere Wissenschaft. Kein Unterricht ergreift mit solcher Kraft und so allseitig den jugendlichen Geist. Er schärft die Sinne, übt das Gedächtnis, nährt mit den edelsten Bildern die Phantasie, bildet die Denkkraft, verbannt alle Engherzigkeit, legt einen unerschütterlichen Grund zur tiefsten Gottinnigkeit. Littrow: Dieses Kennenlernen, nicht das bloſse Anstaunen, diese mit Nachdenken verbundene Betrachtung des Himmels ist das, was demselben die ewige Schönheit und den unvergünglichen Reiz verleiht, mit welchem er den auf Bildung Anspruch machenden Menschen an sich fesselt. Mädler: Die Gröſse und Erhabenheit ihrer Gegenstände, sowie die hohe Ausbildung, welche sie namentlich in unseren Tagen erlangt hat, haben ihr den NamenKönigin der Wissenschaften erworben.

²) Elfte Auflage: Neu bearbeitet von Dr. W. Meyer und Prof. Dr. B. Schwalbe. Berlin 1890.