Aufsatz 
Über die Behandlung der Himmelskunde am Gymnasium / von Joseph Klau
Entstehung
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der bestehenden Vorschriften oder, was noch schlimmer wäre, auf Anwendung unbewiesener Formem gegründeter Bau werden. Aufserdem ist die Ausbeute an wirklicher Erkenntnis der Vorgänge am Himmel bei dieser Behandlung eine wenig ergiebige. Die angestellten Untersuchungen bezichen sich fast alle auf die scheinbare Bewegung der Himmelskugel um die konzentrische Erde und das Wandern von Sonne und Mond innerhalb dieses Gewölbes. Von den wahren Verhältnissen und der physischen Beschaffenheit der Himmelskörper erfährt der Schüler so gut wie nichts. Sehr bald sind auch die mühsam erarbeiteten Formeln dem Gedächtnis entschwunden, und es pleibt dann als dauernder Gewinn für den Lernenden nur ein Minimum zurück.

Eine andere Art der Behandlung des Stoffes schliefst sich mehr an die bisher im geographischen Unterricht übliche Methode an. Der Schüler wird sofort in die kopernikanische Weltanschauung eingeführt. An einem(womöglich mit Räderwerk versehenen) Tellurium wird ihm die Stellung von Sonne, Erde und Mond gezeigt. Er sieht, wie die Erde sich um die Sonne, der Mond sich um beide dreht. Man erklärt ihm den Wechsel der Jahreszeiten, die Verschiedenheit des Klimas in den einzelnen Breiten, und die Finsternisse. Damit auch die in den Erläuterungen zu dem Lehrplane stehende Forderung der mathe- matischen Begründung der Gesetze erfüllt sei, beweist man Keplers Gesetze und glaubt damit den Anforderungen des Reglements vollständig genügt zu haben. Auch diese Methode hat sehr vieles gegen sich. Zunächst wird der so unterrichtete Schüler sich in einer ihn quälenden Unklarheit befinden. Denn er kann sich weder aus den von ihm gesehenen scheinbaren Verhältnissen die ihm gelehrten wahren ableiten noch auch jene sich aus diesen erklären. Soll er z. B. aus der wahren Bewegung der Erde um die Sonne Auf- und Untergangszeiten der letzteren für verschiedene Daten des Jahres oder für Orte verschiedener Breiten herleiten, so wird ihm dieses ebenso wenig gelingen, wie umgekehrt eine Erklärung für die beobachtete Thatsache aus der Erdrotation. Zudem bleibt auch hier auſserordentlich viel des Wissens- werten unberücksichtigt, wie z. B. alle Erscheinungen, welche sich aus der scheinbaren Bewegung der Himmelskugel als Ganzes ergeben, Polhöhe, Circumpolarsterne etc.; ferner alle in diesem Jahrhundert gewonnenen Resultate der Erkenntnis von dem Wesen und der Entwicklung der Weltkörper.

Dem geschilderten Wirrsal, wie es sich aus dem Namenmathematische Geographie ergiebt, hat man durch Einführung einer anderen Bezeichnung: astronomische Geographie bereits in der Weise abzu- nelfen gesucht, daſs man dadurch die erste rein mathematische Auffassung unmöglich machte. Aber auch das, was unter diesem Namen begriffen ist, deckt sich mit dem, was für unsere Primaner wünschenswert und erreichbar ist, noch immer nicht ¹). So wenig man einen geographischen Unterricht für voll- kommen halten würde, welcher die Schüler mit den Grenzen, Gebirgen, Flüssen, der Einwohnerzahl der einzelnen Länder bekannt machte, ohne sie über die sozialen und politischen Zustände der Bewohner, sowie über die in jenen Ländern vorkommenden Tier- und Pflanzenfamilien zu belehren, ebenso wenig genügt der Unterricht in der astronomischen Geographie den heutigen Anforderungen, wenn er sich auf Grölſse, Bewegung und gegenseitige Abhängigkeit der Himmelskörper beschränkt, ohne auf ihre jetzigen Zustände und die durchlaufenden Entwicklungsperioden einzugehen. Geschieht dies aber, so wird auch der Gegenstand besser durch einen andern Namen, nämlich Himmelskunde oder Astronomie bezeichnet ²).

Allerdings schliefst dieser Name ein weiteres Feld ein als die beiden vorher erwähnten und man hat deshalb das Recht, mir die Fragen vorzulegen:

¹) Martus: Astronomische Geographie. 1) Einleitung. Die astronomische Geographie, früher mathematische Geographie genannt, ist derjenige Teil der Erdbeschreibung, welcher die Erde als Weltkörper betrachtet und von der Gestalt und Gröſse der Erde und von ihrer Stellung und Bewegung im Raume haundelt.

²) Dr. Kühner:Die mathematische Geographie ist der Thorweg der Geographie; sie steht zunächst im Dienste der Geographie, die Astronomie aber im Dienste der Humanität,