In dem Lehrplan für die Gymnasien vom 31. März 1882 wird als Lehraufgabe des physikalischen Unterrichts bezeichnet:„Kenntnis der wichtigsten Erscheinungen und Gesetze aus den verschiedenen Gebieten der Physik, sowie die einfachsten Lehren der Chemie. Kenntnis der wichtigsten Lehren der mathematischen Geographie“. In den Erläuterungen zum Lehrplan heifst es bei dem Abschnitt über Physik:„In der Prima tritt zur Mechanik, Optik und mathematischen Geographie die mathematische Begründung der Gesetze hierzu, soweit es die Kenntnisse der Schüler gestatten ¹). Hier- durch ist die mathematische Geographie ein obligatorischer Unterrichtsgegenstand der preufsischen Gym- nasien geworden. Uber den Umfang des Gebietes und die demselben zu widmende Zeit giebt der Lehrplan keine näheren Bestimmungen und läfst dadurch den Fachlehrern hierin weiten Spielraum. So angenehm eine möglichst groſse Freiheit der Bewegung im allgemeinen für den Lehrer sein wird, so veranlaſst doch in diesem Falle die Möglichkeit zu weit auseinandergehenden Auffassungen eine so ungleichmäſsige Behandlung des Stoffes an den einzelnen Anstalten und innerhalb derselben Schule bei den verschiedenen Fachgenossen, dafs die Einheit des Gymnasialunterrichts darunter leiden muſs. Schon der nicht eben glücklich gewählte Name: mathematische Geographie lälst die mannigfachste Auslegung zu, wie man sich durch einen Blick in die Lehrbücher, welche den Gegenstand behandeln, überzeugen kann. Die Linen legen das Hauptgewicht auf das Wort mathematisch und behandeln demnach das ganze Gebiet als eine Anwendung der Mathematik, speciell der sphärischen Trigonometrie auf die Himmelskugel ²). Diese Methode verbietet sich für das Gymnasium aus mehreren Gründen von selbst. Zunächst ist es dem Lehrer der Mathematik in demselben Lehrplan von 1882 untersagt, die sphärische Trigonometrie in dem Umfange, wie es zu diesem Zwecke erforderlich ist, durchzunehmen ³). Damit ist jedem derartigen Aufbau des Lehrgebäudes das feste Fundament entzogen, folglich könnte es nur ein schwankender, auf Umgellung
¹) Khnlich lauten auch die Bestimmungen für Realgymnasien und Oberrealschulen.
²) Israel-Holtzwart sagt in dem Vorwort zu seinem Abrifs der mathematischen Geographie für höhere Lehranstalten:„Im Sinne des vorliegenden Werkes wird die mathematische Geographie am zweckmässigsten dem Unterrichte in der sphärischen Trigonometrie angeschlossen. Jedenfalls mufs sich der Lehrer— ob Physiker oder Mathematiker oder Geograph— bei seinen Schülern auf die Kenntnis der sphärischen Trigonometrie stützen können, eine Voraussetzung, die jetzt schon von den meisten, in nächster Zukunft aber wohl von sämtlichen Gymnasien und Realgymnasien erfüllt wird.
³) Erläuterung zu dem Lehrplan der Mathematik 9e.„Dieser Umfang ist nicht zu verringern, er ist aber auch nicht durch Hineinziehen der sphärischen Trigonometrie oder der analytischen Geometrie oder gar der Differentialrechnung in den Schulunterricht zu erweitern.


