1 Für die Vokalmusik liegt mithin die Frage, ob eine direkte ethische Wirkung möglich ist, sehr einfach: sie hängt ab von der Art und Tendenz des Textes; nur der Grad ihrer Wirkung von der Musik. Wo der musikalische Ausdruck einem guten Text nicht entspricht, da wird die Musik wirkungslos, sie kann auch unästhetisch, widerlich wirken, aber nicht unsitblich, wie es
unmöglich ist, dass ein unsittlicher Text, wenn er mit guter Musik verbunden ist, direkt sittlich wirke.
Anders ist es jedoch bei der Instrumentalmusik. Wegen ihrer Unbestimmtheit und Viel- deutigkeit birgt die Beschäftigung mit ihr für weiche und sinnliche Gemüter, zumal für die Jugend in ihren Entwicklungsjahren, ohne Zweifel eine gewisse sittliche Gefahr in sich. Die Art, wie die Musik auf einen grossen Teil ihrer Hörer zu wirken pflegt, hat Hanslick ¹) richtig gekenn- zeichnet:„Ein stetes Dämmern, Fühlen, Schwärmen, ein Hangen und Bangen in klingendem Nichts“ ist das Verhalten der Gefühlsmusiker,„nicht anschauend, sondern pathologisch“.„Von dem gedankenlos gemächlichen Dasitzen der einen bis zur tollen Verzückung der anderen ist das Prinzip dasselbe: die Lust am Elementarischen der Musik“.„Wie das stark und stärker anschwillt, nachlässt, aufjauchzt oder auszittert, das versetzt sie in einen unbestimmten Empfindungs- zustand, den sie für rein geistig zu halten so unschuldig sind“.„Die Musik hat die Bestimmung keineswegs, allein ihr intensives Gefühlsmoment macht es möglich, dass sie in solcher Tendenz genossen werde. Dies ist der Punkt, in welchem die ältesten Anklagen gegen die Tonkunst ihre Wurzel haben; dass sie entnerve, verweichliche, erschlaffe“. Dazu bemerkt mit Recht J. Jungmann ²): „Eine Beschäftigung mit der Musik, wie sie Hanslick charakterisiert(als Verhalten der„Gefühls- musiker“), dient nur dazu, der träumerischen Regsamteit einer unsteten Phantasie, der unmännlichen Weichheit des Gefühls, der Schwäche und Reizbarkeit der Nerven, äusserst wirksamen Vorschub zu leisten“.
Schon Schiller, der in seiner Jugendperiode für die elementare Wirkung der Musik sehr empfänglich gewesen war und das sinnlich-phantastische Schwelgen in unbestimmten Gefühlen und Vorstellungen, das die Musik hervorrufen kann, treffend in„Laura am Klavier“ geschildert hatte (1781), hat später in seiner Abhandlung„über das Pathetische“ ³) diese Wirkungen sehr scharf von der musikalischen Kunst ferngehalten wissen wollen.„Auch die Musik der Neueren“, schreibt er,„scheint es vorzüglich nur auf die Sinnlichkeit anzulegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden Geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will. Alles Schmelzende wird daher vorgezogen, und wenn noch so grosser Lärm in einem Konzertsaale ist, so wird plötzlich alles Ohr, wenn eine schmelzende Passage vorgetragen wird. Ein bis ins Tierische gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erscheint dann gewöhnlich auf allen Gesichtern, die trunkenen Augen schwimmen, der offene Mund ist ganz Begierde, ein wollüstiges. Zittern ergreift den ganzen Körper, der Atem ist schnell und schwach, kurz alle Symptome der Berauschung stellen sich ein: zum deutlichen Beweise, dass die Sinne schwelgen, der Geist aber oder das Prinzip der Freiheit im Menschen der Gewalt des sinnlichen Eindrucks zum Raube wird. Alle diese Rührungen, sage ich, sind durch einen edeln und männlichen Ge- schmack von der Kunst ausgeschlossen, weil sie. bloss allein dem Sinne gefallen, mit dem die Kunst nichts zu verkehren hat“.
1) A. a. O. S. 96 ff. 2) Asthetik, Freiburg 1884, S. 830. 3) Cotta'sche Ausgabe von 1838, XI., S. 401.


